Weber 1802 in Eutin
Erster Aufenthalt in der Geburtsstadt
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Stand: 29. Juli 2026
Bildquellen (KI-gestützt):
Das historische Geburtshaus basiert auf zeitgenössischen Vorlagen aus dem Stadtarchiv Eutin.
Die Darstellung des jungen Carl Maria von Weber ist eine künstlerische Annäherung,
orientiert an einem Stich nach einem Gemälde von Joseph Adolf Lang, das Weber im Alter von etwa 18 Jahren zeigt.
Dokumente
Carl Maria von Weber wurde 1786 in Eutin geboren, verließ die Stadt jedoch bereits wenige Monate später mit seiner Familie. Nach heutigem Kenntnisstand kehrte Carl Maria von Weber im Herbst 1802 erstmals an seinen Geburtsort Eutin zurück. Der junge Musiker war damals fünfzehn Jahre alt – auch wenn er selbst zu dieser Zeit noch von einem Geburtstag am 18. Dezember ausging. Erst 1820 korrigierte er diese Annahme nach einem Blick in den Eutiner Kirchenbucheintrag und nannte seiner Frau den 19. November als Geburtstag.
Über Webers Aufenthalt in Eutin ist wenig unmittelbar überliefert. Dokumentierte Eintragungen belegen seine Anwesenheit am 11. und 13. Oktober 1802, lange vor seiner späteren Konzertreise von 1820.
Eutin 1802: Geburtsstadt, Reisestation und Ausgangspunkt einer bis heute fortwirkenden Erinnerung.
Nach der 2014 erschienenen Weber-Biografie: Weber hatte in Salzburg seine Oper Peter Schmoll und seine Nachbarn vollendet. Sein Vater Franz Anton setzte große Hoffnungen in das Werk und plante, es während der Reise bekannt zu machen und möglichst zur Aufführung zu bringen.
Als Empfehlung führte er eine Beurteilung Michael Haydns mit sich. Dieser hatte die Oper als nach den Regeln des Kontrapunkts gearbeitet, feurig, fein und dem Text angemessen gewürdigt. Franz Anton wollte mit diesem Urteil insbesondere in Hamburg Aufmerksamkeit für seinen Sohn und dessen neue Oper gewinnen.
Die Reise führte unter anderem über Eisenach, Sondershausen und Braunschweig nach Rellingen, Schleswig, Eutin, Altona und Hamburg. Ihr nördlicher Zielpunkt war Schleswig, wo auf Schloss Gottorf Carl Marias Taufpate, Landgraf Carl von Hessen-Kassel, residierte.
Auf der Rückreise machten Vater und Sohn im Oktober 1802 für mehrere Tage in Eutin Station.
Nach der neueren Weber-Biografie aus 2014 wohnten die Webers während ihres Eutiner Aufenthalts bei Kanzleirat Johann Otto Stricker. Mehrere Quellen deuten darauf hin, dass während des Aufenthalts Hauskonzerte stattfanden
Wie diese Tage im Einzelnen verliefen, lässt sich heute nicht vollständig rekonstruieren. Eutin war damals eine kleine Residenzstadt mit einem bemerkenswerten geistigen und kulturellen Umfeld. Namen wie Johann Heinrich Voß, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Friedrich Heinrich Jacobi und zahlreiche weitere Persönlichkeiten prägten oder berührten das sogenannte „Eutiner Weimar“.
Man kann annehmen, dass für den jungen Weber die Stadt zugleich ein besonderer Ort: Hier war er geboren worden, hier hatte sein Vater als Musikdirektor gewirkt, und hier waren die Erinnerungen an die Familie noch lebendig.
Was Weber sah, hörte oder mit wem er während dieser Tage tatsächlich zusammentraf, ist nur teilweise belegt. Gerade diese Lücken boten später Raum für Erzählungen.
Die angebliche Begegnung mit Johann Heinrich Voß
Über viele Jahrzehnte wurde erzählt, Carl Maria von Weber habe während seines Eutiner Aufenthalts 1802 den Dichter und Übersetzer Johann Heinrich Voß kennengelernt.
In verschiedenen Darstellungen heißt es, Johann Heinrich Voß habe dem jungen Komponisten Gedichte vorgelegt und ihn zur Vertonung von Lyrik angeregt. Mitunter wird sogar angenommen, aus dieser Begegnung seien Webers erste Liedvertonungen hervorgegangen. Auch in einer 2014 erschienenen Weber-Biografie heißt es, dem jungen Carl Maria von Weber sei Johann Heinrich Voß während seines Aufenthalts in Eutin vorgestellt worden.
Diese Überlieferung griff auch der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Dr. Uwe Barschel beim Festakt zum 200. Geburtstag Carl Maria von Webers im Jahr 1986 auf:
„Als 16-Jähriger sei Weber auf einer Konzertreise mit seinem Vater dem Schulrektor Johann Heinrich Voß begegnet. Dieser habe ihm den Weg zur Lyrik gewiesen und ihm eigene Gedichte sowie Werke anderer Autoren zur Vertonung empfohlen.“
Eine schöne und anschauliche Geschichte – Die heute bekannten Quellen zeichnen allerdings ein anderes Bild.
Spurensuche
Zur Frage, ob CMW 1802 Voß noch in Eutin getroffen haben kann: die Antwort ist ein klares NEIN.
Als Begründung sei Folgendes angeführt:
Die Familie Voß zieht am 5. September 1802 endgültig aus Eutin nach einem Frühstück bei Familie Hellwag, und fährt zunächst nach Lübeck und bleibt dort kurz bei Freund Overbeck. Danach ging die Fahrt über Braunschweig und Halberstadt, Eisleben, Querfurt, Freyburg, Naumburg; am 28. September 1802 trafen Johann Heinrich und Ernestine Voß in Jena ein.
CMW ist am 28. Aug 1802 in Eisenach/ 29. Aug 1802 in Sonderhausen/ 1. September 1802 in Braunschweig/ Rellingen 4. Okt. 1802/ Schleswig 9. Okt 1802/ Eutin mit Sicherheit am 11. Okt und 13. Okt 1802/ Altona 26. Okt 1802/ Hamburg 27. Okt 1802/ Hildburghausen 12. Nov. 1802 ….
Das heißt also dass 1802 kein Treffen möglich war. Die Quellen, die ich benutzte sind zum einen die Eintragungen (insbesondere Stammbuchblätter) in der CMW Gesamtausgabe; dann Wilhelm Herbsts Biographie zu Johann Heinrich Voß II/1.
Ernst Hellwag studierte 1810/1811 in Heidelberg und hat dort Weber im Hause Voß getroffen. („Vor kurzem sprach ich hier einen jungen Eutiner, den ich nicht kannte; er heißt Weber und ist ein sehr geschickter Musikus. Nach einem halben Jahr wird er auf einer Reise nach Koppenhagen auch nach Eutin kommen. …“ Heidelberg, 5. Januar 1811; Ernst Hellwag an seinen Bruder Wilhelm Hellwag in Eutin. in Konvolut X, Hellwag Nachlaß II). Es ist davon auszugehen, dass dieses Treffen im Dezember 1810 stattfand.
JH und E Voß zogen von Jena nach Heidelberg Juli 1805 und wohnten dort bis zu ihrem Tode. Sie wurden dort oft von durchreisenenden Freunden, deren in Heidelberg studierenden Söhnen, und anderen bedeutenden Persönlichkeiten besucht, die sich über Empfehlungsschreiben etc. Zugang zum Hause Voß verschaffen konnten.
Von Weber ist erst wieder 1820 ein Besuch in Eutin greifbar. Darüber berichtet Weber selbst an seine Frau nur kurz; s. Briefe in der Gesamtausgabe Weber.
Quelle:
Silke Gehring, Vorsitzende, Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft e.V.
www.voss-gesellschaft.de
Eine angebliche Begegnung Webers mit Voß 1802 in Eutin fand nicht statt, da Voß die Stadt bereits verlassen hatte (Ankunft in Jena am 28. September), bevor Weber dort eintraf (nach 9. Oktober). Zu persönlichen Treffen kam es erst 1810 in Heidelberg.
Quelle
Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition, https://weber-gesamtausgabe.de/A002030 (Version 4.13.1 vom 12. Dezember 2025)
Abgerufen am 27.02.2026
Eine Verbindung, die dennoch bestand
Auch wenn Weber und Voß sich 1802 nicht in Eutin begegneten, blieben Dichtung und Musik der beiden nicht voneinander getrennt.
Später vertonte Weber zwei Gedichte Johann Heinrich Voß.:
ein stilles Minnelied
einen heiteren Reigen
Die Gedichte waren bereits vor Webers Eutiner Reise entstanden. Und doch entstand eine bleibende künstlerische Verbindung: Voß’ Worte fanden ihren Weg in Webers Musik. Die eigentliche Begegnung vollzog sich damit nicht im Eutiner Rektorhaus, sondern im Lied.
Aus Lyrik wurde Klang.
Aus Dichtung wurde Gesang.
Eine Eutiner Erzählung
Puck:
Oberon, ich habe eine Geschichte gehört, die sich die Menschen in Eutin seit Langem erzählen. Sie handelt von einem jungen Musiker, der 1802 in seine Geburtsstadt kam, und von dem großen Dichter Johann Heinrich Voß, dem er dort begegnet sein soll.
Oberon:
Eine schöne Geschichte. Aber war Voß damals noch in Eutin?
Puck:
Nein. Die geduldigen Hüter der Daten haben genauer hingesehen. Voß hatte die Stadt bereits verlassen, bevor Weber dort eintraf. Die beiden konnten sich 1802 in Eutin nicht begegnet sein.
Oberon:
Und dennoch wurde die Erzählung immer wieder weitergegeben.
Puck:
So entstehen Erinnerungen. Dichtung, Wunsch und Lokalgeschichte verweben sich. Aus einer möglichen Begegnung wird eine wahrscheinliche – und schließlich eine scheinbar erwiesene.
Oberon:
Dann soll die Geschichte nicht verschwinden. Aber sie soll klar benannt werden.
Puck:
Als schöne Mär. Als Teil der Eutiner Erinnerung – und als Einladung, genauer hinzusehen, zu lesen und zu prüfen.
Oberon:
Denn Wahrheit nimmt einer guten Geschichte nicht ihren Reiz.
Puck:
Manchmal macht sie die Geschichte erst wirklich interessant.
Zusammenfassung:
Der Aufenthalt Webers in Eutin ist für Oktober 1802 belegt.
Mehrere Quellen nennen Kanzleirat Johann Otto Stricker als Gastgeber.
Hauskonzerte werden in der Literatur erwähnt.
Eine Begegnung mit Johann Heinrich Voß in Eutin gilt nach heutigem Forschungsstand als ausgeschlossen.
Persönlich trafen sich beide vermutlich erst Ende 1810 in Heidelberg.
Unabhängig davon blieb Voß für Weber als Dichter von Bedeutung.
Der Aufenthalt von 1802 ist damit keine bloße Vorstufe zur bekannteren Konzertreise des Jahres 1820. Er ist ein eigenes Kapitel: die erste belegte Rückkehr des jungen Komponisten in die Stadt seiner Geburt.
18 Jahre später …
Im Jahr 1820 kam Carl Maria von Weber erneut nach Eutin. Inzwischen war er ein weithin bekannter Komponist und Dirigent. Während seiner norddeutschen Konzertreise gab er im Eutiner Rathaussaal ein Konzert und knüpfte neue persönliche Verbindungen.
- Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, Digitale Edition: biografische Daten, Reise- und Aufenthaltsnachweise
- Silke Gehring, Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft e. V.: Auskunft zur Chronologie der Reisen von Johann Heinrich Voß und Carl Maria von Weber
- Wilhelm Herbst: Biografie Johann Heinrich Voß
- Christoph Schwandt: Weber-Biografie, Abschnitt zur Deutschlandreise 1802
- Stadtarchiv Eutin: Presseausschnitte und Dokumentation des Festaktes zum 200. Geburtstag Carl Maria von Webers, 1986
- Ernst Hellwag an Wilhelm Hellwag, Heidelberg, 5. Januar 1811; Hellwag-Nachlass, Konvolut X
- Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, Digitale Edition, Version 4.13.1 vom 12. Dezember 2025; abgerufen am 27. Februar 2026