1. Inhalt
Mit Peter Schmoll und seine Nachbarn legte der etwa 15-jährige Weber bereits sein drittes Bühnenwerk vor. Schon die Datierung führt mitten hinein in die Arbeit einer historisch-kritischen Edition. In seiner 1818 begonnenen Werkübersicht ordnete Weber die Komposition dem Jahr 1801 zu. Friedrich Wilhelm Jähns beschrieb dagegen auf der Titelseite des Partiturautographs eine eigenhändige Datierung Webers auf 1802, die infolge eines Wasserschadens heute nicht mehr lesbar ist. Ziegler hält die viel später entstandene Angabe Webers für möglicherweise unpräzise; an der Entstehung in Salzburg bestehe dagegen kein Zweifel.
Äußerungen von Michael Haydn und Joseph Otter deuten darauf hin, dass einzelne Musikstücke in einem privaten Kreis erklangen; Ziegler geht davon aus, dass dabei wohl nur Auszüge aus der Oper zu hören waren.
Solche offenen Fragen können allerdings die Fantasie beflügeln: In der Festschrift zu den Eutiner Weber-Festspielen von 1951 heißt es beispielsweise, Weber habe bei seinem ersten Besuch in seiner Geburtsstadt Eutin die Schmoll-Ouvertüre gespielt. Ein schöner Gedanke – wenn es denn so gewesen ist… Immerhin weckte diese Erzählung Interesse, den Band 2 quer zu lesen und zu erfahren, was sich anhand der Quellen nach heutigem Wissensstand nachvollziehen lässt.
Die literarische Grundlage bildete Carl Gottlob Cramers zweibändiger Roman Peter Schmoll und seine Nachbarn von 1798/99. Joseph Türke richtete den umfangreichen Stoff für die Oper ein. Ziegler zeigt, wie Türke Texte aus dem Roman übernahm und veränderte. Mehrere Gedichte Cramers gingen nahezu wörtlich oder in freierer Adaption in die Gesangsnummern ein.
In drei Arien folgt Weber dabei offenbar Cramers ursprünglichem Romantext statt Türkes Änderungen; an anderer Stelle entscheidet er sich wiederum für die Librettofassung. Für Ziegler spricht dies für Webers genaue Kenntnis der Romanvorlage.
Und dann gibt es eine entscheidende Leerstelle: Das Libretto ist bis auf die vertonten Texte nicht überliefert; die verbindenden Dialoge galten bereits im späteren 19. Jahrhundert als verschollen.
Damit beginnt eine zweite, spannende Geschichte des Werkes: Für die erste Neufassung erarbeitete der Lübecker Opernregisseur Karl Eggert eine neue Bühnenfassung, die am 18. September 1927 in Lübeck Premiere hatte. Seitdem entstanden verschiedene Bühnenfassungen, die mit dem Verlust der Dialoge jeweils anders umgingen. Nummern wurden umgestellt, gekürzt oder gestrichen, Gesangstexte zum Teil erheblich verändert und Figuren ergänzt. In einer später einflussreichen Bearbeitung mit neuen Dialogen von Willy Werner Göttig – 1963 in der Edition Peters erschienen – erhielt Peter Schmoll sogar einen Bruder Martin, den Cramers Roman überhaupt nicht kennt. Andere Veränderungen greifen noch stärker in die Figurenkonstellation und die Handlung ein. Für Leser werden diese unterschiedlichen Umsetzungen unmittelbar vergleichbar.
2. Auf Webers Spuren
Gerade hier wird der kritische Bericht für den Leserkreis spannend, der seinen Schwerpunkt auf Buchstaben statt auf Notensätze legt. Die Editionsrichtlinien formulieren einen Grundsatz, der zunächst selbstverständlich klingt und bei näherem Hinsehen weitreichende Konsequenzen hat: Aus unterschiedlichen Quellen soll kein fiktives Werkideal zusammengesetzt werden. Die gewählte Hauptquelle soll erkennbar bleiben, Eingriffe des Herausgebers werden kenntlich gemacht, abweichende Fassungen separat dokumentiert. Dem Editor geht es ausdrücklich weniger um die Rekonstruktion eines vermeintlichen „Autorenwillens“ als um das, was die konkrete Überlieferung tatsächlich bezeugt. Auch Unsicherheiten und Interpretationsentscheidungen sollen sichtbar bleiben.
Damit bekommt eine Lücke einen eigenen Wert. Was fehlt, wird durch wissenschaftliche Sorgfalt nicht einfach ergänzt. Die Edition zeigt deutlich, wo unser Wissen endet.
Für Peter Schmoll ist das besonders folgenreich. Ohne die gesprochenen Dialoge fehlt ein wesentlicher Teil der ursprünglichen Bühnendramaturgie. Gleichzeitig sind Roman und Gesangstexte erhalten – und zwischen beiden bestehen zahlreiche nachweisbare Verbindungen.
Cramers Roman erzählt von Revolution und Flucht, von Inkognito und gesellschaftlicher Verunsicherung, von Minettes Einsamkeit und ihrer Begegnung mit Carl, von Liebe, Geld und Wohltätigkeit, von Familiengeschichten und schließlich vom Wiederfinden verloren geglaubter Beziehungen. Die Gesangsnummern greifen diese Situationen vielfach unmittelbar auf. Schon im ersten Band lassen sich Nummern bestimmten Kapiteln und Handlungsmomenten zuordnen – von Schmolls Revolutionsangst über Minettes Begegnung mit Carl bis zu dessen spontaner Hilfe für einen alten Mann.
Im zweiten Romanteil setzt sich dieses Geflecht fort. Die Gegenüberstellung macht zugleich sichtbar, dass Romanhandlung und musikalische Nummernfolge keineswegs immer deckungsgleich verlaufen.
So entsteht beim Lesen des kritischen Berichts allmählich etwas, das über die Dokumentation einzelner Quellen hinausgeht: Man kann beobachten, wie aus einem Roman Musiktheater wird.
3. Werkstatt-Praxis
Und genau an diesem Punkt wechseln die Aufgaben.
Der Wissenschaftler fragt:
Was ist überliefert?
Der Autor oder Librettist fragt anschließend:
Was lässt sich aus dem Überlieferten erzählen?
Beide Perspektiven haben ihre eigene Aufgabe – und gerade dadurch können sie produktiv zusammenwirken.
Eine heutige Rekonstruktion der verlorenen Dialoge kann nach der Quellenlage kaum beanspruchen, den ursprünglichen Wortlaut wiederherzustellen. Mit diesem Band der Weber-Gesamtausgabe lassen sich jedoch Roman, erhaltene Gesangstexte und musikalische Nummernfolge auf gesicherter Grundlage miteinander vergleichen. Hinzu kommt das akribisch editierte Notenmaterial.
Auch ganz praktisch eröffnet die Edition neue Möglichkeiten: Selbst digitale Hilfsmittel zur Notenerkennung können das gedruckte Notenbild heute wieder zum Klingen bringen, bestätigt ein Test mittels Smartphone-App. Was früher vor allem ausgebildeten Musikern vorbehalten war, lässt sich damit zumindest ausschnittweise auch für weitere Leser erschließen.
Das großformatige, im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Werk erhält dadurch einen ganz praktischen Nutzen. Ältere Klavierauszüge mit abweichenden Gesangstexten nach Willy Werner Götting oder Nachdrucke historischer Partituren im Taschenformat können nun als Vergleichsobjekte dienen; für die Beschäftigung mit der Überlieferung bietet die neue Gesamtausgabe nun den verlässlichsten Ausgangspunkt.
Wie ergiebig dieser Weg sein kann, zeigt bereits die Gegenüberstellung von Roman und Gesangsnummern: Situationen, Figurenbeziehungen und selbst einzelne Formulierungen lassen sich zurückverfolgen. Die erhaltenen Texte sind keine isolierten musikalischen Inseln. Sie besitzen literarische Vor- und Nachgeschichten.
Das verändert auch den Blick auf die späteren Bearbeitungen. Sie erscheinen als historische Antworten auf dasselbe Problem:
Wie bringt man ein Werk auf die Bühne, dessen verbindende Dialogtexte fehlen?
Für Dramaturgen und Librettisten – aber auch für Lehrende und Lernende – liefert die neue Edition deshalb etwas Wertvolles: einen überaus verlässlichen Ausgangspunkt. Sie zeigt, welche Bausteine historisch belegt sind, wo unterschiedliche Fassungen existieren – und wo der Raum für eine heutige künstlerische Entscheidung beginnt.
Die Französische Revolution bildet den Hintergrund für Verunsicherung, Rückzug, Tarnung und Identitätswechsel. Dabei lohnt sich ein zweiter Querblick: Peter Schmoll erzählt von einer vergangenen Welt und berührt zugleich Themen, die uns bis heute begleiten: Geld beeinflusst Beziehungen und Handlungsspielräume. Hinzu kommen Flucht, Einsamkeit, Vorurteile, gesellschaftliche Rollen, Integration, Freundschaft und Zugehörigkeit. Themen also, die Menschen auch in der Gegenwart beschäftigen und wohl weiterhin beschäftigen werden.
Ob daraus heute wieder lebendiges Musiktheater entsteht, beantwortet eine historisch-kritische Edition naturgemäß nicht. Ihre Aufgabe liegt vielmehr in einem anderen Punkt:
Sie stellt das Material bereit, mit dem eine solche Frage neu beantwortet werden kann.
In dieser Rollenverteilung liegt für mich der besondere Mehrwert solcher Editionen. Frank Ziegler als Herausgeber und Markus Bandur in der Redaktion öffnen mit akribischer Quellenarbeit den Blick auf Entstehung, Überlieferung und Veränderung eines selten gespielten Weber-Werkes, dessen Sprechtexte verschollen sind.
Das ist für Kunstschaffende eine Herausforderung und Chance zugleich. Wer die Ausgabe quer liest, entdeckt neben der Partitur eine zweite Ebene: die Geschichte eines Werkes, das über mehr als zwei Jahrhunderte immer wieder gelesen, gedeutet und für die Bühne neu zusammengesetzt wurde.
Eine Fundgrube für die Forschung und zugleich eine Einladung an alle, die gesicherten Spuren folgen und daraus neue Wege für das Musiktheater entwickeln.
Und vielleicht gilt dabei auch für Peter Schmoll Webers Wahlspruch
„Beharrlichkeit führt zum Ziel“.
Hundert Jahre nach der Lübecker Wiederentdeckung von 1927 wäre 2027 daher ein passender Zeitpunkt, erneut zu fragen, welche Bühnenmöglichkeiten in diesem frühen Werk stecken.