Eutin 1802: Begegnungen
Puck:
Oberon, ich habe eine Geschichte gehört, die sich die Menschen in Eutin seit Langem erzählen. Eine schöne Geschichte. Sie handelt von einem blassen, begabten Jüngling, der im Jahr 1802 in die Stadt kam – Carl Maria von Weber – und von einem großen Dichter, Johann Heinrich Voß, dem er dort begegnet sein soll.
Oberon:
Eine Geschichte also.
Erzähl sie mir – und dann sehen wir, was an ihr wahr ist.
Puck:
Man berichtet, Weber sei mit seinem rastlosen Vater auf musikalischer Reise gewesen, kaum fünfzehn Jahre alt, gerade erst hatte er in Salzburg seine komische Oper Peter Schmoll und seine Nachbarn vollendet. In Eutin, so heißt es, habe man noch den Vater als früheren Stadtmusikus gekannt. Man habe sie im Rektorhaus erwartet – oder doch zumindest empfangen.
Es soll Hauskonzerte gegeben haben, Gedichte, Gespräche über Musik. Und dann diese berühmte Szene: Ein Knabe mit einer Maultrommel, bejubelt vom Publikum, während Weber verletzt und verstummt danebenstand. Eine Lektion über Künstlerstolz, über Beifall und über das frühe Lernen, was wahre Musik ausmacht.
Oberon:
Eine eindrucksvolle Erzählung.
Kein Wunder, dass sie weitergegeben wurde.
Puck:
Ja – und sie findet sich an vielen Orten wieder: in Jahrbüchern, Festschriften, Reiseführern, sogar in einer Zeittafel des Carl-Maria-von-Weber-Museums. Dort heißt es, Weber sei 1802 nach Norddeutschland gereist und habe in Eutin dem Dichter Voß begegnet, der dort als Rektor wirkte.
Oberon:
Und doch weißt du, Puck, dass Geschichten sich manchmal verselbständigen.
Puck (nickt):
So ist es.
Denn die Wissenschaft – jene geduldige Hüterin der Daten – erzählt es anders. Die Weber-Gesamtausgabe hat die Wege genau nachverfolgt: Johann Heinrich Voß hatte Eutin bereits verlassen und war am 28. September 1802 nach Jena aufgebrochen. Weber hingegen traf erst nach dem 9. Oktober in Eutin ein.
Eine persönliche Begegnung konnte es also nicht gegeben haben. Die beiden lernten sich erst Jahre später, 1810, in Heidelberg kennen.
Oberon:
Und doch bleibt etwas bestehen.
Puck:
Ja. Die Geschichte selbst.
Denn dass Weber 1802 in Eutin war, gilt als sicher. Dass er dort konzertierte, sogar mit seinem Vater, wird mehrfach bezeugt. Dass er den Uklei sah, den See, den Schlossgarten – all das fügt sich in sein späteres Naturgefühl ein, das seine Musik prägt.
Oberon:
So wird aus einer Begegnung, die nicht stattfand, dennoch ein erzählter Ort.
Puck:
Genau, mein Herr.
Vielleicht ist es gerade das, was diese Episode so interessant macht: Sie zeigt, wie Erinnerung entsteht. Wie sich Dichtung, Wunsch und Lokalgeschichte verweben. Und wie eine Stadt ihren großen Sohn schon früh in ihr eigenes Erzählen aufgenommen hat.
Oberon:
Dann soll die Geschichte bleiben – aber klar benannt als das, was sie ist.
Puck:
Eine schöne Mär.
Eine Eutiner Erzählung.
Und zugleich ein Anlass, genauer hinzusehen, zu lesen, zu prüfen.
Denn auch das gehört zu Webers Welt:
der Übergang zwischen Empfindung und Erkenntnis,
zwischen Traum und Wirklichkeit.
Oberon:
So beschließen wir diese Episode nicht mit einem Beweis, sondern mit einem Verständnis.
Puck:
Und mit der Gewissheit, dass selbst eine Geschichte, die so nicht geschah, etwas Wahres erzählt – über Musik, über Stolz, über Jugend.
Und über Eutin.