Weber & Eutin 1802

Erster Aufenthalt in der Geburtsstadt

Aus der Festschrift zu den Eutiner Sommerspielen 1958

Quelle: Stadtarchiv Eutin
Foto: Hans-Peter Förster
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Man schreibt das Jahr 1802.
Der 15-jährige Carl Maria von Weber –  mit seinem Vater in Norddeutschland auf Reisen – besucht seine Geburtsstadt Eutin.
Es soll zu einer Begegnung mit Johann Heinrich Voß gekommen sein …

Fundstellen aus der Literatur

 

Eutiner Festspiele 1951, 1958

Aus der Publikation zu den ersten Weber-Festspielen in Eutin:
Künstlerstolz in Carl Maria von Weber in Eutin, Bruno Schönfeldt, 1951, Alfred Burkhardt Verlag Eutin, S. 23ff.
Carl Maria von Weber und die kleine Residenz in Eutiner Sommerspiele 1958, Bruno Schönfeldt, Alfred Burkhardt Verlag, Eutin, 1958, S. 44ff.
Quelle: Stadtarchiv Eutin

Der 15-jährige Carl Maria von Weber hatte kürzlich in Salzburg seine Komische Oper „Peter Schmoll und seine Nachbarn“ vollendet, als er mit seinem unruhvollen Vater seine „musikalische Reise“ nach Norddeutschland begann. Man schrieb das Jahr 1802. An einem sonnigen Frühherbst­tag traten sie unerwartet ins Eutiner Rektorhaus, dessen Bewohner sich des ehemaligen Stadtmusikus noch deutlich erinnerten. Doch kam der Besuch recht ungelegen; denn der nervöse Johann Heinrich Voß und seine gute Ernestine waren durch die Vorbereitungen zum Umzug nach Jena recht in Anspruch genommen.
Aber in dem Hause des musikliebenden Kanzleirats Stricker in der Pfaffenstraße fanden sie eine freundliche Aufnahme.
Zu einem Hauskonzert schon am zweiten Abend lud man die Freunde ein, den Rektor Voß, den Leibmedikus Helwag und den Historiker Bredow mit ihren Frauen, ja auch der Herr Regierungspräsident von Maltzahn war zugegen. Unter anderem spielte Carl Maria auch die „Schmoll“-Ouvertüre und seine schon vor vier Jahren im Druck erschienenen Fughetten


Jahrbuch der Heimatkunde, Eutin 1976

S. 24, HG. Verband zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen e.V., Struve’s Buchdruckerei und Verlag, Eutin:

Der junge Carl Maria von Weber besucht 1802 Eutin. Hier begegnet er auch dem Rektor Johann Heinrich Voß. „Voß „fasste eine wahre Zuneigung zu dem blassen, interessanten Jüngling Carl Maria, die später, so weit dies bei dem großen Altersunterschied möglich war, zur Freundschaft wurde.“
(M. M. v. Weber)


Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild.

von Max Maria von Weber, Bd. 1. Leipzig 1864, S. 72.

14 Tage im October 1802 brachten die Weber’s in Eutin zu, wo sie besonders im musikalischen Hause des Kanzleirath Stricker wohl aufgenommen waren. Hier knüpfte sich die Bekanntschaft mit dem dort als Rektor lebenden Joh[ann] Heinr[ich] Voß fester, der früher schon zu Franz Anton in Beziehung gestanden hatte …


Carl Maria von Weber- Ein großes Leben
Gerhard Kamin, verlegt 1976 bei Groos/Eutin, S. 126 ff.

Er [J. H. Voß] vor allem war es, der den Namen Eutins berühmt machte, … er war es aber auch, der in dem 16-jährigen Carl Maria von Weber – bei dessen ersten Besuch in Eutin (1802) – den aufstrebenden Genius erkannte, der nicht nur hervorragend Klavier spielte, sondern ihn, den längst bekannt gewordenen Übersetzer der ‚Odysee‘, nicht zufällig um einige seiner Gedichte bat, die er vertonen wollte. …


Carl Maria von Weber und sein Werk

Hans Hoffmann, Husum Druck, 1978, S. 13

Im Oktober 1802 Wiedersehen in Eutin. … – und der Garten des Hauses, in dem Voß wohnt, dringt bis zum See vor. Kanzleirat Stricker nimmt Vater und Sohn für 14 Tage auf. Carl Maria von Weber lernt Voß kennen und schätzen, vertont einige seiner Lieder.


Jahrbuch für Heimatkunde 1976

„Der zufällige Eutiner“

Carl Maria von Weber in seiner Geburtsstadt, II. Der junge Carl Maria von Weber besucht 1802 Eutin
von Otto Rönnpag, Timmendorfer Strand im Jahrbuch für Heimatkunde 1976
Struve’s Buchdruckerei und Verlag, Eutin, S. 53ff.

… Hier begegneten sie auch dem Rektor Johann Heinrich Voß
Voß „fasste eine wahre Zuneigung zu dem blassen, interessanten Jüngling Carl Maria, die später, so weit dies bei dem großen Altersunterschied möglich war, zur Freundschaft wurde.“ (M. M. v. Weber)


Jahrbuch für Heimatkunde 1986

Die kleine Stadt und ihr großer Sohn
Otto Rönnpag, S. 47ff., Erster Besuch Webers in Eutin 1802

… Sein Sohn Max Maria von Weber schreibt darüber später: „Vierzehn Tage im Oktober 1802 brachten die Webers in Eutin zu .. Hier knüpfte sich die Bekanntschaft mit dem als Rektor dort lebenden Johann Heinrich Voß fester, der eine wahre Zuneigung zu dem blassen, interessanten Jüngling Carl Maria fasste, …


1986Der Ministerpräsident in Eutin

Dr. Uwe Barschel während des Festaktes auf der Freilichtbühne
(Presseausschnitt, Quelle: Stadtarchiv Eutin)

… Die Familie Weber habe … etwa viereinhalb Monate nach der Geburt Carl Marias Eutin verlassen. Als 16-jähriger sei er auf einer Konzertreise mit seinem Vater, dem Schulrektor Johann Heinrich Voß, begegnet. Dieser habe ihm den Weg zur Lyrik gewiesen und ihm eigene Gedichte und die Gedichte anderer Autoren vorgelegt und empfohlen, sie zu vertonen. Aus dieser Begegnung mit Voß seien die ersten Liedvertonungen Webers entstanden.“   …


Carl Maria von Weber in Eutin

von Klaus Langenfeld, S. 83 (zitiert aus Carl Maria von Weber, ein großes Leben, Garhard Kamin)

„… Vieles ging ihm [C. M. v. Weber] durch den Sinn: die Erinnerung an Johann Heinrich Voß, an die Fahrt um den Kellersee, an den ‚Konzertstreit‘ mit dem kleinen Maultrommelspieler Stricker, an die Spaziergänge durch den Schlossgarten. – Zu denen, die von Webers Ankunft wussten, gehörten unter anderem der Maler Wilhelm Tischbein und der Arzt Dr. Wilhelm Voß, der Sohn von Johann Heinrich Voß. …“


Carl Maria von Weber in seiner Zeit

Eine Biografie von Christoph Schwandt, Schott Verlag, 2014, S. 47

1802: … Dann waren sie umgekehrt und Mitte Oktober zwei Wochen in Eutin geblieben, wo sie bei Kanzleirat Johann Otto Stricker wohnten. … Carl Maria wurde Johann Heinrich Voß vorgestellt …
1810, S 107:
… Als Weber zum ersten Mal nach Heidelberg kam, sah er Johann Heinrich Voß wieder …“
1813, S. 186
… Zweit für zwei weitere Gesänge … Es sind zwei beliebte Strophenlieder des alten Voß, die dieser noch vor seiner Eutiner Zeit geschrieben hatte. Das Minnelied gelingt Weber hübsch … der Reigen hingegen ist von ekstatischem Temperament, ungezügelt …
1820, S. 351
… Carl Maria plagen allerdings Zahnschmerzen. Glücklicherweise weiß Dr. Wilhelm Voß, der Sohn des Dichters ist Arzt geworden, Abhilfe. … Vermutlich war das Konzert im Rathaus. „Mit meinem Geburtstag bleibt’s beim 19t. 9br“, schreibt er an seine Frau;

Ein klares NEIN

Zur Frage, ob CMW 1802 Voß noch in Eutin getroffen haben kann: die Antwort ist ein klares NEIN.
Als Begründung sei folgendes angeführt:
Die Familie Voß zieht am 5. September 1802 endgültig aus Eutin nach einem Frühstück bei Familie Hellwag, und fährt zunächst nach Lübeck und bleibt dort kurz bei Freund Overbeck. Danach ging die Fahrt über Braunschweig und Halberstadt, Eisleben, Querfurt, Freyburg, Naumburg; am 28. September 1802 trafen Johann Heinrich und Ernestine Voß in Jena ein.
CMW ist am 28. Aug 1802 in Eisenach/ 29. Aug 1802 in Sonderhausen/ 1. September 1802 in Braunschweig/ Rellingen 4. Okt. 1802/ Schleswig 9. Okt 1802/ Eutin mit Sicherheit am 11. Okt und 13. Okt 1802/ Altona 26. Okt 1802/ Hamburg 27. Okt 1802/ Hildburghausen 12. Nov. 1802 ….
Das heißt also dass 1802 kein Treffen möglich war. Die Quellen, die ich benutzte sind zum einen die Eintragungen (insbesondere Stammbuchblätter) in der CMW Gesamtausgabe; dann Wilhelm Herbsts Biographie zu Johann Heinrich Voß II/1.
Ernst Hellwag studierte 1810/1811 in Heidelberg und hat dort Weber im Hause Voß getroffen. („Vor kurzem sprach ich hier einen jungen Eutiner, den ich nicht kannte; er heißt Weber und ist ein sehr geschickter Musikus. Nach einem halben Jahr wird er auf einer Reise nach Koppenhagen auch nach Eutin kommen. …“ Heidelberg, 5. Januar 1811; Ernst Hellwag an seinen Bruder Wilhelm Hellwag in Eutin. in Konvolut X, Hellwag Nachlaß II). Es ist davon auszugehen, dass dieses Treffen im Dezember 1810 stattfand.
JH und E Voß zogen von Jena nach Heidelberg Juli 1805 und wohnten dort bis zu ihrem Tode. Sie wurden dort oft von durchreisenenden Freunden, deren in Heidelberg studierenden Söhnen, und anderen bedeutenden Persönlichkeiten besucht, die sich über Empfehlungsschreiben etc. Zugang zum Hause Voß verschaffen konnten.
Von Weber ist erst wieder 1820 ein Besuch in Eutin greifbar. Darüber berichtet Weber selbst an seine Frau nur kurz; s. Briefe in der Gesamtausgabe Weber.

Quelle:
Silke Gehring, Vorsitzende, Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft e.V.
www.voss-gesellschaft.de


Eine angebliche Begegnung Webers mit Voß 1802 in Eutin fand nicht statt, da Voß die Stadt bereits verlassen hatte (Ankunft in Jena am 28. September), bevor Weber dort eintraf (nach 9. Oktober). Zu persönlichen Treffen kam es erst 1810 in Heidelberg.

Quelle
Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition, https://weber-gesamtausgabe.de/A002030 (Version 4.13.1 vom 12. Dezember 2025)
Abgerufen am 27.02.2026

 

Musik & Lyrik verbinden Weber & Voß 

Oberon:
Man erzählt sich in Eutin seit Generationen eine Begegnung: der junge Carl Maria von Weber und der Dichter Johann Heinrich Voß, ein Hauskonzert, eine Maultrommel, verletzter Künstlerstolz. Die Geschichte ist schön – und sie hat sich tief eingeprägt.

Puck:
Schön, ja. Wahr? Nicht ganz. Die Chroniken widersprechen ihr. Doch auch Märchen haben ihre Wahrheit – nur liegt sie manchmal nicht im Zeitpunkt, sondern in der Wirkung.

Erinnerungen an Eutin, 1802

🪶 Mit der Elfenfeder geschrieben 

Erfundene Gedanken Carl Maria von Webers,
sehr frei nach den Beiträgen in den Festschriften zu den Eutiner Sommerspielen 1951 und 1958

Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich in Salzburg meine komische Oper „Peter Schmoll und seine Nachbarn“ vollendete. Mein Vater, rastlos wie immer, hatte sogleich die nächste Etappe unserer „musikalischen Reise“ im Sinn: Norddeutschland. So zogen wir im Jahre 1802 gen Eutin, an einem hellen Frühherbsttag, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Unerwartet traten wir in das Rektorhaus, wo man sich des ehemaligen Stadtmusikus, meines Vaters, noch lebhaft erinnerte. Doch schien unser Besuch wenig willkommen, denn Herr Voß und seine Frau Ernestine waren ganz vom Umzug nach Jena eingenommen. So fanden wir erst im Hause des musikliebenden Kanzleirats Stricker eine herzliche Aufnahme.
Schon am zweiten Abend gab man ein Hauskonzert zu Ehren der Gäste. Ich spielte meine Schmoll-Ouvertüre und einige kleine Fughetten, die ich als Knabe zu Papier gebracht hatte. Man lobte mich sehr – bis der achtjährige Sohn des Hauses seine Maultrommel ergriff und mit demselben Eifer spielte, der mir doch allein vorbehalten schien. Sein Spiel erregte lebhaften Beifall. Ich weiß nicht, ob es Eifersucht oder Schmerz war – doch empfand ich die Töne dieser Maultrommel wie kleine Stiche ins Herz.
Frau Ernestine Voß, die mein Verstummen bemerkt hatte, sprach mir freundlich zu und lud uns für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Noch vor Tagesanbruch fuhr uns der Hofprediger Uckert nach dem Uklei. Über Gremsmühlen hinweg sah ich die Sonne aufsteigen, wie sie sich im stillen See brach – und dieser Anblick, das Schweigen der Wälder, die atmende Landschaft, machte mich still und andächtig zugleich. Ich wusste nicht, ob ich Komponist oder Träumer war.
Nach dem Mahl im Rektorhaus saßen wir im Garten am See, auf dem „Agneswerder“. Voß las einige seiner Gedichte vor – darunter das heitere „Sagt mir an, was schmunzelt ihr?“ Ich bat ihn um Abschriften; die Verse klangen in mir nach, als ich am Abend allein durch den Schlossgarten ging. Zu seinen Worten hörte ich eine Melodie, so luftig und verspielt, dass ich sie sogleich niederschrieb, noch ganz erfüllt von jener stillen Freude, die nur die Schöpfung kennt.
Später, beim Konzert im Hause Stricker, spielte ich sie – und sang dazu die Voß’schen Zeilen. Das Lächeln der Gäste war mir Beifall genug. Aber kaum verklangen die letzten Akkorde, nahm der junge Stricker wieder seine Maultrommel zur Hand. Er stellte sich neben mich, als wolle er wetteifern.
Er spielte nun mit zwei Maultrommeln zugleich – und das Publikum jubelte. Sogar mein Vater nickte freundlich:„Wie schön!“ sagte er. Ich aber stand da, wie gelähmt, als sei mir der Boden entzogen.
Was war dies für ein Tag! Er begann im Zauber des Morgens, und endete in einer bitteren Lektion. Doch vielleicht war es eine heilsame. Denn in jener Stunde lernte ich, dass Beifall flüchtig ist – und dass wahre Musik nicht im Lärm der Hände, sondern in der Bewegung der Seele lebt.