Weber & Voß

Lied & Lyrik

Wie fand Weber den Weg zur Lyrik?

 

Eine von vielen Erzählungen über angebliche Begegnungen zwischen Johann Heinrich Voß und Carl Maria von Weber im Jahr 1802 in Eutin beschreibt, wie Weber zur Lyrik gefunden haben soll: Ministerpräsident Dr. Uwe Barschel während des Festaktes 1986 auf der Freilichtbühne

… Eutin identifiziert sich mit Carl Maria von Weber. Mehr noch als Johann Heinrich Voß, mehr noch als der Familie Tischbein gehört das Herz Eutins und seiner Einwohner Carl Maria von Weber. … Die Familie Weber habe … etwa viereinhalb Monate nach der Geburt Carl Marias Eutin verlassen. Als 16-jähriger sei er auf einer Konzertreise mit seinem Vater, dem Schulrektor Johann Heinrich Voß, begegnet. Dieser habe ihm den Weg zur Lyrik gewiesen und ihm eigene Gedichte und die Gedichte anderer Autoren vorgelegt und empfohlen, sie zu vertonen. Aus dieser Begegnung mit Voß seien die ersten Liedvertonungen Webers entstanden.   …
(Quelle: Presseausschnitt, Stadtarchiv Eutin)

Oberon:
Man erzählt sich in Eutin seit Generationen eine Begegnung: der junge Carl Maria von Weber und der Dichter Johann Heinrich Voß, ein Hauskonzert, eine Maultrommel, verletzter Künstlerstolz. Die Geschichte ist schön – und sie hat sich tief eingeprägt.

Puck:
Schön, ja. Wahr? Nicht ganz. Die Chroniken widersprechen ihr. Doch auch Märchen haben ihre Wahrheit – nur liegt sie manchmal nicht im Zeitpunkt, sondern in der Wirkung.

Oberon:
Diese Episode folgt der Spur zwischen Erzählung und belegbarer Geschichte. Sie zeigt, was war, was später hinzudachte – und was dennoch blieb: eine dichterische Verbindung, die sich nicht in Begegnungen, sondern in Musik erfüllte.


Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft, Eutin:
Über Johann-Heinrich Voß, Leben und Werk: mehr lesen …

Eine schöne Mär und mehr

Eutin 1802: Begegnungen

Puck:
Oberon, ich habe eine Geschichte gehört, die sich die Menschen in Eutin seit Langem erzählen. Eine schöne Geschichte. Sie handelt von einem blassen, begabten Jüngling, der im Jahr 1802 in die Stadt kam – Carl Maria von Weber – und von einem großen Dichter, Johann Heinrich Voß, dem er dort begegnet sein soll.

Oberon:
Eine Geschichte also.
Erzähl sie mir – und dann sehen wir, was an ihr wahr ist.

Puck:
Man berichtet, Weber sei mit seinem rastlosen Vater auf musikalischer Reise gewesen, kaum fünfzehn Jahre alt, gerade erst hatte er in Salzburg seine komische Oper Peter Schmoll und seine Nachbarn vollendet. In Eutin, so heißt es, habe man noch den Vater als früheren Stadtmusikus gekannt. Man habe sie im Rektorhaus erwartet – oder doch zumindest empfangen.

Es soll Hauskonzerte gegeben haben, Gedichte, Gespräche über Musik. Und dann diese berühmte Szene: Ein Knabe mit einer Maultrommel, bejubelt vom Publikum, während Weber verletzt und verstummt danebenstand. Eine Lektion über Künstlerstolz, über Beifall und über das frühe Lernen, was wahre Musik ausmacht.

Oberon:
Eine eindrucksvolle Erzählung.
Kein Wunder, dass sie weitergegeben wurde.

Puck:
Ja – und sie findet sich an vielen Orten wieder: in Jahrbüchern, Festschriften, Reiseführern, sogar in einer Zeittafel des Carl-Maria-von-Weber-Museums. Dort heißt es, Weber sei 1802 nach Norddeutschland gereist und habe in Eutin dem Dichter Voß begegnet, der dort als Rektor wirkte.

Oberon:
Und doch weißt du, Puck, dass Geschichten sich manchmal verselbständigen.

Puck (nickt):
So ist es.
Denn die Wissenschaft – jene geduldige Hüterin der Daten – erzählt es anders. Die Weber-Gesamtausgabe hat die Wege genau nachverfolgt: Johann Heinrich Voß hatte Eutin bereits verlassen und war am 28. September 1802 nach Jena aufgebrochen. Weber hingegen traf erst nach dem 9. Oktober in Eutin ein.

Eine persönliche Begegnung konnte es also nicht gegeben haben. Die beiden lernten sich erst Jahre später, 1810, in Heidelberg kennen.

Oberon:
Und doch bleibt etwas bestehen.

Puck:
Ja. Die Geschichte selbst.
Denn dass Weber 1802 in Eutin war, gilt als sicher. Dass er dort konzertierte, sogar mit seinem Vater, wird mehrfach bezeugt. Dass er den Uklei sah, den See, den Schlossgarten – all das fügt sich in sein späteres Naturgefühl ein, das seine Musik prägt.

Oberon:
So wird aus einer Begegnung, die nicht stattfand, dennoch ein erzählter Ort.

Puck:
Genau, mein Herr.
Vielleicht ist es gerade das, was diese Episode so interessant macht: Sie zeigt, wie Erinnerung entsteht. Wie sich Dichtung, Wunsch und Lokalgeschichte verweben. Und wie eine Stadt ihren großen Sohn schon früh in ihr eigenes Erzählen aufgenommen hat.

Oberon:
Dann soll die Geschichte bleiben – aber klar benannt als das, was sie ist.

Puck:
Eine schöne Mär.
Eine Eutiner Erzählung.
Und zugleich ein Anlass, genauer hinzusehen, zu lesen, zu prüfen.

Denn auch das gehört zu Webers Welt:
der Übergang zwischen Empfindung und Erkenntnis,
zwischen Traum und Wirklichkeit.

Oberon:
So beschließen wir diese Episode nicht mit einem Beweis, sondern mit einem Verständnis.

Puck:
Und mit der Gewissheit, dass selbst eine Geschichte, die so nicht geschah, etwas Wahres erzählt – über Musik, über Stolz, über Jugend.

Und über Eutin.

Ein stilles Minnelied und ein heiterer Reigen

Puck:
Und doch, Oberon – auch wenn sich Weber und Voß im Jahr 1802 in Eutin nicht begegneten, blieben sie einander nicht fremd.

Oberon:
Nein. Die Worte des Dichters fanden später ihren Weg in Webers Musik. Und das ist vielleicht die nachhaltigere Form der Begegnung.

Puck:
Zwei Gedichte Voß’ hat unser Meister vertont: ein stilles Minnelied und einen heiteren Reigen. Worte, die bereits vor seiner Eutiner Reise geschrieben waren – und doch offenbar genau jenen Ton trafen, den Weber suchte.

Oberon:
So wurde aus Lyrik Klang.
Und aus Dichtung Gesang.

Puck:
Vielleicht lag darin die eigentliche Verbindung: nicht im Handschlag zweier Männer, sondern im Weiterleben der Verse. Wenn heute diese beiden Lieder erklingen, begegnen sich Voß und Weber aufs Neue – zeitlos, jenseits von Kalendern und Reisewegen.

Oberon:
Darum sollen sie hier hörbar sein.
Als Zeugnis einer Wirkung, die blieb.

Puck:
Und als Erinnerung daran, dass Eutin nicht nur Ort einer erzählten Begegnung ist, sondern Teil eines geistigen Netzes, das Dichter, Musiker und Gedanken miteinander verband.

Lied & Lyrik

Was hier erklingt, ist keine Fußnote der Geschichte, sondern ihr Nachhall. Zwei Gedichte von Johann Heinrich Voß – von Carl Maria von Weber vertont. Erst das Minnelied: zurückhaltend, innig, fast scheu. Dann der Reigen: bewegt, heiter, von jenem Lächeln, das auch Verse tragen können. So begegnen sich Dichter und Komponist – nicht im Rektorhaus von Eutin, sondern im Klang.


Lied-CD der Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft, Eutin: Mehr lesen …
Dank an Ulf Bästlein für die freundliche Nutzungszustimmung/Wiedergabe der beiden Voß-Lieder.

Minnelied

 

 

Der Holdseligen
Sonder Wank
Sing‘ ich fröhlichen
Minnesang;
Denn die Reine,
Die ich meine,
Winkt mir lieblichen Habedank.

Ach! bin inniglich
Minnewund!
Gar zu minniglich
Dankt ihr Mund;
Lacht so grüsslich,
Lockt so küsslich,
Daß mir’s bebt in des Herzens Grund!

Gleich der sonnigen
Veilchenau‘
Glänzt der Wonnigen
Augen Blau;
Frisch und ründchen
Blüht ihr Mündchen,
Gleich der knospenden Ros‘ im Thau.

Ihrer Wängelein
Lichtes Roth
Hat kein Engelein,
So mir Gott !
Eia, säß‘ ich
Unablässig
Bei der Preißlichen bis zum Tod!

 

 


Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft, Eutin

Reigen

 

Sagt mir an, was schmunzelt ihr?
Schiebt ihrs auf das Kirmeßbier,
Daß ich so vor Freuden krähe,
Und auf einem Bein mich drehe?
Schurken um und um!
Kömmt die schmucke Binderin
Euch denn gar nicht in den Sinn,
Die mich wirft mit Haselnüssen,
Und dann schreyt: Ich will nicht küssen?
Nun, so schert euch zum …!
Diesen Strauß und diesen Ring
Schenkte mir das kleine Ding!
Seht, sie horcht!
Komm her, mein Engel!
Tanz einmal mit deinem Bengel!
Dudel didel dum!
Fiedler, fiedelt nicht so lahm!
Wir sind Braut und Bräutigam!
Fiedelt frisch!
Ich mach‘ es richtig!
Und bestreicht den Bogen tüchtig
Mit Kalfonium!
Schwäbisch muß hübsch lustig gehn,
Daß die Röcke hinten wehn!
Wart, ich werd‘ euch mal koranzen!
Meynt ihr Trödler, Bären tanzen
Hier am Seil herum?
Heißa lustig! Nun kommt her!
Unten, oben, kreuz und queer,
Laß uns Arm in Arm verschränken,
Und an unsern Brauttanz denken!
Heißa! rund herum!

Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft, Eutin

Verbindungslinien

  • 1793 – Tuffsteinhaus „Tempel der Weisheit“ mit zwei Büsten der Philosophen Aratos und Senecas.
    „Mit den Werken beider Dichter befasste sich Johann-Heinrich Voß (1751-1826), während dessen Eutiner Zeit (1782-1802) die Gartentempel errichtet wurden.“ Quelle: Der Eutiner Schlossgarten, Gisela Thietje, Wachholtz Verlag, Neumünster, 1994, Fußnote 113, S. 169
    Rundfahrt im „Oberon-Bus“, Station 6: mehr lesen und sehen …
  • 1802 – Begegnung mit Johann-Heinrich Voß
    Hinweis, weshalb es die Begegnung nicht hat in der Weber Gesamtausgabe (WEGA): mehr lesen …
  • 1820 – Begegnung mit Dr. Voß
  • 1826 – Todesjahr von Carl Maria von Weber und Johann Heinrich Voß
  • 1877 als Weber-Gedenkstätte umgewidmet: mehr lesen und sehen …
  • 1976 – 190. Geburtstag, 150. Todestag Weber / 225. Geburtstag, 150. Todestag Voß
  • 2026 – 240. Geburtstag 200. Todestag Weber/ 275. Geburtstag, 200. Todestag Voß
  • Website der Landesbibliothek zum Voß-Jubiläum: https://voss2026.de/start/