KLANG & FARBE

Zusammenspiele

Klänge können Farben haben.
Farben können Charaktere zeigen.
Und manchmal lassen sich beide hören.

 

Die vier Temperamente bei dem Verlust der Geliebten, op. 45

 

Der Leichtmütige

Lust entfloh und hin ist hin …

Lust entfloh und hin ist hin!
Blanda will mich nicht mehr lieben.
Ich wär ihr, so wahr ich bin,
noch acht Tage treu geblieben,
Kam ihr Hochzeit nicht in Sinn;
Dafür hat mich Gott bewahrt,
Lebe wohl, mein Kind,
ich wandre schon zu frischer Liebefahrt,
morgen die und heut die Andre,
das ist so die rechte Art …

 

Der Schwermütige

Sel’ge Zeiten sah ich prangen …

Sel’ge Zeiten sah ich prangen
und den Erdball glaubt‘ ich mein,
als mich Liddys Blick befangen,
unschuldklar wie Heil’genschein.
Als der Lippen Siegel sprangen
herrschte Gott nicht mehr allein,
denn der Liebe Klänge schwangen
siegend mich zum Himmel ein…

Der Liebwütige

Verraten Verschmähet!

Verraten! Verschmähet!
Wer drängte mich aus?
Auf, Diener, umspähet
heut Abend ihr Haus,
und wagt zur Megäre
ein Einz’ger den Blick,
so fragt: wer er wäre?
Und brecht ihm’s Genick…

Der Gleichmütige

Nun, ich bin befreit!

Nun, bin ich befreit!
Wie behäglich!
Mir ist Zärtchlichkeit unerträglich!
Treibt sie keine lau,
werd‘ ich ohne Frau ruhig alt und grau!
Hätt‘ sie wohl gemocht so bei Festen,
Plumperpuddings kocht sie am besten!
Doch die Lust ward matt,
Denn am Ende hatt‘ ich die Puddings satt!…

Die vier Temperamente bei dem Verlust der Geliebten

 

Carl Maria von Weber dachte Musik nicht nur in Tönen.

In seinem Liederzyklus „Die vier Temperamente bei dem Verlust der Geliebten“, op. 46 gestaltet Carl Maria von Weber vier menschliche Grundhaltungen als musikalische Figuren: den Leichtmütigen, den Schwermütigen, den Liebewütigen und den Gleichmütigen. Jede dieser Figuren klingt anders – bewegt sich anders – fühlt sich anders an.

Zur gleichen Zeit entwickelt der in Eutin wirkende Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein eigene Studien zum menschlichen Charakter. In seinem Buch „Eselsgeschichte oder der Schwachmatikus und seine vier Brüder“ treten sie als Typen auf: Sanguinikus, Cholerikus, Melancholikus und Phlegmatikus. Tischbein macht sichtbar, was Weber hörbar macht. Seine Zeichnungen sind im Ostholstein-Museum zu sehen; im Schloss Eutin begegnen uns zudem vier Gemälde mit Szenen aus der klassischen Mythologie (unter anderem Odysseus), in denen gegensätzliche Charaktere unmittelbar aufeinandertreffen.

Zwischen beiden entsteht eine spannende Verbindung: Tischbein formt Charaktere im Bild, Weber gestaltet Temperamente im Klang. Die typgerechte Wortwahl der „Vier Temperamente“ von Friedrich Wilhelm Gubitz schlägt dabei eine Brücke – zwischen musikalischem Ausdruck und menschlichem Verhalten. So beginnt ein Spiel zwischen Hören, Sehen und Erkennen, in dem uns auch Johann Heinrich Voß mit seiner Homer-Übersetzung sowie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller mit ihrer Temperamentenrose begegnen.

Oberon und Puck führen diesen Reigen im „Weber-Kompass“ weiter – als Einladung zum Ausprobieren, Vergleichen und Weiterdenken. Folgen Sie den Klängen, entdecken Sie Farben und finden Sie Ihre eigenen Verbindungen.

Experiencing Carl Maria von Weber

In „Carl Maria von Weber erleben: Ein Hörbegleiter“ führt Joseph Morgan die Leser durch die vielen Meisterwerke von Webers Schaffen und bietet Einblicke, indem er entscheidende Momente im Leben des Komponisten mit Webers Musik verknüpft, die maßgeblich prägte. Morgan erweckt den musikalischen Charakter von Webers wichtigsten Kompositionen zum Leben, von seinen populärsten Werken wie dem Programmwerk „Aufforderung zum Tanz“ über seine majestätischen Solostücke bis hin zu seinem bahnbrechenden Liederzyklus „Die Temperamente beim Verlust der Geliebten“. Morgan verknüpft dabei stets biografische, politische, ästhetische und historische Aspekte, um unser Verständnis von Webers kompositorischem Genie zu vertiefen. „Carl Maria von Weber erleben“ beschreibt nicht nur das kompositorische Genie dieser Persönlichkeit der Romantik, sondern auch seine Leistungen als Dirigent, Musikdirektor und Kritiker, der seine musikalischen Kollegen auf der Bühne und in den Werken maßgeblich unterstützte.
(Quelle: Auszüge aus der Buchbeschreibung des Verlags, frei übersetzt)
https://www.bloomsbury.com/uk/experiencing-carl-maria-von-weber-9781442255562/

Klangfarben- Experimente 

Oberon: Sieh nur, Puck – hier kreist nicht allein die Musik. Hier wandeln Farben, Klänge und Gedanken miteinander. Puck: Und mittendrin unser Meister! Carl Maria von Weber der Töne nicht nur hörte, sondern sie auch in der Natur sah und Klangfarben empfand. Oberon: Was bei ihm wie Zauberei erscheint, hat viele Spuren. … Sieh dort: Der Maler Tischbein, der Menschen als Charaktere zeichnet – leicht, ruhig, schwermütig oder voller Leidenschaft. Puck: … Und schau  hier: Goethe mit seinem Farbenkreis – als hätten Farben selbst einen Charakter! Oberon: So scheint es zu sein: Blau rechnet, Grün ordnet, Gelb phantasiert und Rot fühlt.

Oberon fügt hinzu: Und vergiss nicht Johann Heinrich Voß, der Homers Figuren nach Eutin brachte – Helden, Zweifler, Kämpfer – lauter Charaktere. Puck: Also überall dasselbe Spiel: In der Dichtung, im Bild, in der Musik – immer geht es um das Wesen des Menschen. Oberon: Und nun tritt unser „Weber-Kompass“ hinzu. Ein Versuch, all diese Linien zu bündeln. Puck: Im Farbenring werden Töne zu Farben – ein Kreis, der sich erst im Hören erfüllt. Oberon: Und im Farbenkreis verdichten sich die Eindrücke: Vier Farben, vier Temperamente, vier Klangwelten. Puck: Und wer genau hinsieht – oder besser: genau hinhört – wird merken, dass hier nichts festgelegt ist. Oberon: Denn dies ist kein Lehrbuch. Puck: Sondern ein Spiel der Sinne! Beide:

Ein Experiment zwischen Klang, Farbe und Vorstellung – und eine Einladung, den eigenen Wahrnehmungen zu folgen.

 

 

Im Farbenkreis Weber und Tischbein entdecken?

 

In Webers Zeit entwickelte der in Eutin wirkende Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein eigene Darstellungen charakteristischer Einordnungen wie zum Beispiel in seinem Buch „Eselsgeschichte oder der Schwachmatikus und seine vier Brüder, der Sanguinikus, Cholerikus, Melancholikus und Phlegmatikus : nebst zwölf Vorstellungen vom Esel„. Während Tischbein diese Charaktere sichtbar macht, lässt Weber typische Temperamente hörbar werden.

Oberon und Puck führen mit dem „Weber-Kompass“ diese Idee weiter und zeigen mögliche Zusammenhänge mit Phantasie, im Experiment und aus Erfahrung. Gute Unterhaltung.

 

Auf einen Ton klicken – und ihn hören.
Die „Vier Temperamente“ hören und seine Farben entdecken.

Vier Farben – vier Temperamente

Puck: Oberon, eben war noch alles im Kreis – zwölf Töne, viele Farben, ein munteres Durcheinander! Oberon: Und nun, mein lieber Puck, wird es übersichtlicher. Sieh: Der Kreis sammelt sich. Puck: Ah! Nur noch vier große Felder. Weniger ist mehr? Oberon: Oder genauer gesagt: vier Wege, die Welt zu empfinden.

Puck: Dann lass mich raten! Dieses helle Feld dort – das ist bestimmt das Leichte. Oberon: Gelb. Beweglich, heiter, offen. Puck: Und das ruhige daneben? Oberon: Grün. Ausgleichend, gleichmäßig. Puck: Blau kenne ich – das ist die Tiefe des Verstands. Oberon: Immerzu denkend, ja – aber auch voller innerer Welt. Puck: Und Rot… Rot bleibt nie still. Oberon: Leidenschaftlich, kraftvoll, bisweilen ungestüm. Puck: Das sind sie also – die vier Temperamente, von denen Goethe und Schiller sprechen. Oberon: Ja. Eine Ordnung des Menschlichen, benannt als Sanguinisch, Phlegmatisch, Melancholisch und Cholerisch. Puck: Und Tischbein? Oberon: Er greift dieselben Begriffe auf, doch bei ihm werden sie zu Charakteren, zu Gesichtern, zu sichtbaren Erscheinungen.

Puck: Also wieder dasselbe Spiel: einmal gedacht, einmal gezeichnet. Oberon: Und Weber fügt eine dritte Ebene hinzu. Puck: Er macht sie hörbar! Oberon: Genau. In seinen vier Liedern aus op. 46 werden die Temperamente zu musikalischen Gestalten: der Leichtmütige, der Gleichmütige, der Schwermütige und der Liebewütige. Puck: Dann sind diese vier Felder kleine Bühnen! Oberon: Jedes trägt seinen eigenen Klang, seine eigene Farbe, seinen eigenen Charakter. Puck: Und dieses Zeichen dort – ♪ – das darf man drücken? Oberon: Unbedingt. Dann hörst du, wie ein Temperament klingt. Puck: Und dort außen – die Namen? Oberon: Das sind Webers Figuren. Sie führen die Begriffe der Temperamentenlehre in die Musik. Puck: Also Figuren, die man hören kann! Oberon: Und doch bleibt auch hier alles offen. Puck: Natürlich! Denn wer sagt, dass Blau immer traurig sein muss? Oberon: Oder dass Rot nur laut ist? Puck: Vielleicht ist dein Blau ganz anders als meines. Beide: So wird der Farbenkreis zu einem Ort der Erfahrung – zwischen Klang, Farbe und Vorstellung.

Im Farbenring Instrumententöne entdecken und hören?

Einladung zu einem Experiment. Zwölf Tonarten, im Kreis geordnet – der Quintenzirkel. Doch hier bleibt es nicht bei der Ordnung. Hier wird daraus ein Spiel zum Ausprobieren. Entsteht eine Spur zwischen Klang, Farbe und Wahrnehmung?

Mehr im nächsten Tab.

 

 

 

 

 

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Klicke auf einen Ton – und höre ihn.
Starte die Folge – und beobachte, wie sich Farben verändern und Töne melodisch aneinanderreihen.
Vergleiche Piano- und Gitarrentöne.
Im Farbenkreis stecken auch die vier Temperamente. Die Übergänge sind fließend.

Klänge färben – der Farbenring

Puck: Oberon, sag – wie kommt es, dass Farben plötzlich „zu denken“ beginnen? Oberon: Weil ein gewisser Herr Goethe ihnen das zugetraut hat. Er sah in ihnen nicht bloß Licht und Schatten, sondern Wirkung und Bedeutung. Puck: Also ist Rot nicht einfach rot? Oberon: Keineswegs. Rot glüht – kraftvoll und edel. Gelb leuchtet – hell und verständig. Blau zieht sich denkend zurück – ruhig und tief. Und Grün hält die Dinge im Gleichgewicht. Puck: Das gefällt mir. Farben mit Charakter! Da ist der Weg zu unserem Maler Tischbein nicht weit. Oberon: Ganz recht. Man nennt ihn nicht umsonst den „Goethemaler“. Doch während Goethe – gemeinsam mit Schiller – von Temperamenten spricht, also von grundlegenden menschlichen Anlagen, zeigt Tischbein diese als Charaktere, als sichtbare Gestalten, als Physiognomien. Puck: Ich habe sie gesehen! Sanguinikus, Cholerikus, Melancholikus, Phlegmatikus – sie schauen einen an, als hätten sie ihre Eigenschaften im Gesicht eingeschrieben. Oberon: So erscheinen bei Tischbein die Begriffe der Temperamentenlehre als verkörperte Figuren, während Goethe und Schiller sie als Ordnung des Menschlichen denken. Puck: Also überall dieselben Namen aus der Antike – aber einmal gedacht und einmal gezeichnet. Oberon: Und nun tritt unser Meister Weber hinzu. Puck: Weber! Oberon: Auch er spricht von Temperamenten – doch er macht sie hörbar. Er verwandelt sie in Klang, in musikalische Bewegung, in Ausdruck.


Puck: Und genau hier beginnt unser Experiment. Oberon: Sieh den Farbenring. Noch ist er grau – wie eine Partitur vor dem ersten Ton. Puck: Aber kaum berührt man einen Klang … Oberon: … beginnt er sich zu färben. Puck: Einer nach dem anderen! Als würde die Musik selbst ihre Farben preisgeben. Oberon: Zwölf Tonarten, im Kreis geordnet – der Quintenzirkel. Doch hier bleibt es nicht bei der Ordnung. Puck: Hier wird daraus ein Spiel. Ein Ausprobieren. Ein Staunen. Oberon: Denn niemand schreibt vor, welche Farbe ein Ton haben muss. Puck: Das entscheidest du! Beide: So entsteht eine Spur zwischen Klang, Farbe und Wahrnehmung – nicht als Regel, sondern als Einladung.


Puck: Jede Tonart kann hier mit einer Farbe verbunden werden. Beim Anklicken entsteht Schritt für Schritt eine persönliche Zuordnung – keine feste Regel, sondern eine Erfahrung. Der Farbenring zeigt damit nicht, wie es sein muss, sondern lädt dazu ein zu entdecken: Welche Farben hörst du?

Orchestertraum

In Webers Romanfragment „Tonkünstlers Leben“ Farben hören?

So beschreibt Carl Maria von Weber des Tonkünstlers Traum:

Voll Zufriedenheit über eine vormittags glücklich geendete Symphonie und ein vortreffliches Mittagsmahl entschlummerte ich und sah mich im Traum plötzlich in den Konzertsaal versetzt, wo alle Instrumente belebt große Assemblée unter dem Vorsitz der gefühlvollen und mit naiver Naseweisheit erfüllten Oboe hielten.  … Alles war seelenvergnügt, als auf einmal der grämliche Kontrabass, von einem Paar verwandter Violoncelle begleitet, zur Tür hereinstürmte und sich so voll Unmut auf den da stehenden Direktionsstuhl warf, dass das Klavier und alle anwesenden Geigeninstrumente vor Schrecken unwillkürlich miterklangen.

Farben sehen und Instrumente hören?
Weiter in Tab 2!

 

 

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Klangfarben sehen und hören …
Mehr im Laufe des Jubiläumjahrs.

Voll Zufriedenheit über eine vormittags glücklich geendete Symphonie und ein vortreffliches Mittagsmahl entschlummerte ich und sah mich im Traum plötzlich in den Konzertsaal versetzt, wo alle Instrumente belebt große Assemblée unter dem Vorsitz der gefühlvollen und mit naiver Naseweisheit erfüllten Oboe hielten.

Rechts hatte sich eine Partie aus einer Viole d’amour, Bassethorn, Viola da gamba und Flûte douce arrangiert, die über die verflossenen guten alten Zeiten klagetönten; links hielt die Dame Oboe Zirkel mit jungen und alten Klarinetten und Flöten, mit und ohne unzählige Modeklappen. In der Mitte war das galante Klavier, von einigen süßen Violinen, die sich nach Pleyel und Girowetz gebildet hatten, umgeben.

Die Trompeten und Hörner zechten in einer Ecke, und die Pikkoloflöten und Flageolettchen durchschrien den Saal mit ihren naiven, kindlichen Einfällen, von denen Madame Oboe durchaus behauptete, es sei ächt Jean-Paul’sche Anlage, durch Pestalozzi zur höchsten Natürlichkeit erhoben, in ihren Tönen.

Alles war seelenvergnügt, als auf einmal der grämliche Kontrabass, von einem Paar verwandter Violoncelle begleitet, zur Tür hereinstürmte und sich so voll Unmut auf den da stehenden Direktionsstuhl warf, dass das Klavier und alle anwesenden Geigeninstrumente vor Schrecken unwillkürlich miterklangen.

Kontrabass:
„Nein! Da sollte einen ja der Teufel holen, wenn täglich solche Kompositionen vorkämen! Da komme ich eben aus der Probe einer Symphonie eines unserer neuesten Komponisten; und obwohl ich, wie bekannt, eine ziemlich starke und kräftige Natur habe, so konnte ich es doch kaum mehr aushalten, und binnen fünf Minuten wäre mir unausbleiblich der Stimmstock gefallen und die Saiten meines Lebens gerissen. Hat man mich nicht wie einen Geißbock springen und wüten lassen? Habe ich mich nicht zur Violine umwandeln sollen, um die Nicht-Ideen des Herrn Komponisten zu executieren, so will ich zur Tanzgeige werden und mein Brot mit Müllerschen und Kauerschen Tanzdarstellungen verdienen!“

Erstes Violoncell:
„Allerdings haben cher père recht; ich bin auch so fatiguiert, dass ich mich seit den Cherubinischen Opern keines solchen échauffements erinnere.“

Alle Instrumente:
„Erzählen Sie, erzählen Sie!“

Zweites Violoncell:
„Erzählen lässt sich so etwas kaum und eigentlich wohl noch weniger hören; denn nach den Begriffen, die mir mein göttlicher Meister Romberg eingeflößt hat, ist freilich die von uns eben executierte Symphonie ein musikalisches Ungeheuer, wo weder auf die Natur irgendeines Instrumentes, noch auf Ausführung eines Gedankens, noch auf irgendeinen andern Zweck als den des neu und originell Scheinenwollens hingearbeitet wäre. Man lässt uns gleich der Violine in die Höhe klettern…“

Erstes Violoncell (unterbricht):
„Als ob wir das nicht ebenso gut könnten!“

Eine zweite Violine:
„Ein jeder bleibe in seinen Schranken.“

Bratsche:
„Ja – denn ich stehe ja auch noch zwischen Ihnen, und was bliebe denn mir übrig?“

Erstes Violoncell:
„Ach, von Ihnen ist ja gar nicht mehr die Rede. Sie fluten nur noch mit uns im Unisono oder sind des Schauder- und Spannungserregens wegen, wie z. B. im Wasserträger, da; aber was den schönen Gesang betrifft…“

Erste Oboe:
„Da kann sich doch wohl mit mir niemand messen.“

Erste Klarinette:
„Erlauben, Madame, dass wir auch unsere Talente erwähnen.“

Erste Flöte:
„Ja – für Märsche und auf Hochzeiten.“

Erstes Fagott:
„Wer kommt dem göttlichen Tenore näher als ich?“

Erstes Horn:
„Sie werden sich doch nicht einbilden, so viel Zartheit und Kraft verbinden zu wollen wie ich?“

Klavier:
„Und was ist all dies gegen die Fülle der Harmonie, die ich umfasse? Wo ihr alle nur Teile eines Ganzen seid, bin ich selbstständig, und…“

Alle Instrumente (schreien zugleich):
„Ach, schweigen Sie! Sie können ja nicht einmal einen Ton aushalten!“

Erste Oboe:
„Kein Portamento!“

Zwei Flageolettchen:
„Da hat Mama recht!“

Zweites Violoncello:
„Da kann kein ordentlicher Ton zum Klingen kommen in diesem Lärm!“

Trompeten und Pauken (fallen fortissimo ein):
„Stille! Wir wollen auch reden. Was wäre die ganze Komposition ohne unseren Effekt? Wenn wir nicht knallen, applaudiert kein Mensch!“

Flöte:
„Gemeine Seelen reißt der Lärm dahin – das Hohe wohnt im Lispeln.“

Erste Violine:
„Und wenn ich euch nicht führte, was würde aus euch allen?“

Kontrabass (aufspringend):
„Meine doch – ich halte das Ganze! Und ohne mich ist nichts!“

Alle Instrumente (zugleich schreiend):
„Ich allein bin die Seele! Ohne mich – nichts!“

Auf einmal trat der Kalkant in den Saal, und erschrocken fuhren die Instrumente auseinander, denn sie kannten seine gewaltige Hand, die sie zusammenpackte und den Proben entgegentrug.

Kalkant:
„Wartet, rebelliert ihr schon wieder? Wartet! Gleich wird die Sinfonia eroica von Beethoven aufgelegt, und wer dann noch ein Glied oder eine Klappe rühren kann, der melde sich!“

Alle:
„Ach, nur das nicht!“

Bratsche:
„Lieber eine italienische Oper; da kann man doch zuweilen dabei nicken.“

Kalkant:
„Larifari! Man wird euch schon lehren! Glaubt ihr, dass in unseren aufgeklärten Zeiten, wo man über alle Verhältnisse hinwegvoltigiert, euretwegen ein Komponist seinem göttlichen, riesenhaften Ideen-Schwunge entsagen wird? Gott bewahre! Es ist nicht mehr von Klarheit und Deutlichkeit, Haltung der Leidenschaft, wie die alten Künstler Gluck, Händel und Mozart wähnten, die Rede.

Nein – hört das Rezept der neuesten Symphonie, das ich soeben aus Wien erhalten habe, und urteilt danach:

Erstens: ein langsames Tempo, voll kurzer, abgerissener Ideen, wo keine mit der anderen Zusammenhang haben darf; alle Viertelstunden drei oder vier Noten – das spannt! Dann ein dumpfer Paukenwirbel und mysteriöse Bratschensätze, alles mit der gehörigen Portion Generalpausen und Halte geschmückt. Endlich, nachdem der Zuhörer vor lauter Spannung auf das Allegro verzichtet hat, ein wütendes Tempo, in welchem aber hauptsächlich dafür gesorgt sein muss, dass kein Hauptgedanke hervortritt und dem Zuhörer desto mehr selbst zu suchen übrig bleibt. Übergänge von einem Ton in den andern dürfen nicht fehlen; man braucht sich aber deswegen nicht zu genieren – man braucht z. B. wie Pär in der Leonore nur einen Lauf durch die halben Töne zu machen und auf dem Ton, in den man will, stehen zu bleiben – so ist die Modulation fertig.

Überhaupt vermeide man alles Geregelte, denn die Regel fesselt nur das Genie.“

Da riss plötzlich eine Saite an der über mir hängenden Gitarre, und ich erwachte voll Schrecken, indem ich durch meinen Traum auf dem Wege war, ein großer Komponist im neuesten Genre oder — ein Narr zu werden.

Dank dir, freundliche Begleiterin des Gesanges, für deine Aufmerksamkeit. Ich eilte schnell zu meiner eben vollendeten Arbeit, fand sie nicht nach dem Rezepte des gelehrten Kalkanten und ging, beruhigt und den Himmel im Busen vor Erwartung, in die Aufführung des Don Juan.

Wer entdeckt die Farbe Rot im Horn?

 

Die Farbe Rot, das Horn – und ein überraschender Fund im Schloss

Puck: Oberon, du glaubst nicht, was ich im Schloss Eutin entdeckt habe! Ich flattere so durch die oberen Etagen, öffne neugierig eine verschlossene Tür – und lande plötzlich mitten in einer Ausstellung über Hörner. Hörner! Überall Hörner! Oberon (schmunzelnd): Für einen getreuen Diener wie dich klingt das wie ein Abenteuer. Aber was hat dich denn so überrascht?

Weiter auf Tab  2

 

 

 

 

Die Farbe Rot, das Horn – und ein überraschender Fund im Schloss (2)

Puck: Eine Wandinschrift. Nur ein Satz – aber er leuchtete mir entgegen wie ein Zauberzeichen:

„Der Klang des Horns wird gern mit der Farbe Rot in Verbindung gebracht.“

Rot, Oberon! Die Farbe unserer Leidenschaft, unserer Magie! Und plötzlich verstand ich, warum die letzte Oper unseres Meisters, dein „Oberon“, mit genau drei Horntönen beginnt, die jeden Sterblichen sofort in unsere Welt ziehen. Oberon: Ach, diese drei Töne … sie sind wie ein Tor. Wer sie hört, betritt für einen Moment ein Reich voller Märchen, Feen – und Sehnsucht. Und ich stehe dann hilfreich zur Seite. Puck: Und weißt du, was noch faszinierender ist? In dieser Eutiner Sammlung befinden sich Naturhörner aus jenen Jahren, in denen Weber hier in Eutin war. Das ist doch kein Zufall!? –  Das ist … nun ja … Feenzauber. Oberon: Oder eine kluge Museumskuratorin. Die Susanne Petersen. Aber erzähl weiter, Puck.

Puck: Du kennst doch Weber: der Mann, der Farben hörte – einem Synästheten gleich. Im Stadtarchiv befindet sich ein Zeitungsbericht über einen Vortrag zum 150. Todestag unseres Meisters. Darin steht, er sei sogar der „Begründer des Klangkolorismus“ – der Tonkünstler, der Instrumente wie Figuren behandelte und jedem seinen eigenen Charakter gab. Und was sagte er selbst im Gespräch über den „Freischütz“? „Für die Klangfarbe des Jägerlebens war nicht schwer das Richtige zu finden: die Hörner lieferten sie.“ Er hat nicht einfach komponiert – er hat gemalt. Mit Klangfarben. Und Rot gehörte dazu.

Oberon: Rot – die Farbe des Horns, der Leidenschaft aber auch der Gefahr. Und dazu das zarte Blau der Romantik, das über all seinen Tönen schwebt.
Ja, Puck … das passt zu unserem Meister …

Weiter auf Tab 3

Die Farbe Rot, das Horn – und ein überraschender Fund im Schloss (3)

… Puck: Und diese Ausstellung! Die einzigartige Hornsammlung Europas – über fünfhundert Instrumente, und doch haben nur wenige sie je vollständig gesehen. Hörner aus aller Welt: von der Triton-Schnecke bis zum Parforcehorn, vom einfachen Hirteninstrument bis zum höfischen Jagdhorn. Eine echte Schatzkammer.

Seit 2016 sind fünfundsiebzig ausgewählte Stücke in neuen Räumen ausgestellt – meist hinter verschlossener Tür. Und wenn ich mich so in den großen Musikinstrumenten-Museen Europas umschaue und die Kuratoren nach ihren Sammlungen frage, dann fällt der Name Eutin durchaus mit Gewicht – irgendwo zwischen Brüssel, Paris und Leipzig. Ein Spitzenplatz, auf seine Weise. Wenn das unser Meister wüsste, er käme gewiss ein drittes Mal hierher.

Oberon: Und dennoch spricht kaum jemand darüber? Puck: Viel zu wenig! Dabei könnte diese Sammlung wunderbar erzählen, wie Webers Musik funktioniert – warum er mit Hörnern Emotionen weckte, wie ihre Obertöne Räume öffnen und wie ein Naturhorn ganz ohne Ventile Farben entstehen lässt. Oberon: Dann, mein lieber Puck, wird es Zeit, dass wir davon berichten:

Rot – Horn – Weber. Ein Dreiklang, der neugierig machen soll. Puck: Genau! Und ich rate jedem Sterblichen: Wer Eutin besucht, sollte sich diesen Ort nicht entgehen lassen. Und sobald sich die Tür öffnet, geht es hinauf – bis ganz nach oben ins Schloss. Dort warten Hörner wie Zeitfenster zu Weber – und ein ganzes Universum aus Klangfarben, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Puck: Und wer meint, ein Horn sei einfach ein Horn, für den habe ich noch etwas entdeckt – eine richtige Schatzkarte! Sie zeigt siebzig ausgewählte Instrumente aus der Sammlung von Uwe Bartels und Manfred Hein. Und glaubt mir: Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Den Rest bewahrt man fast wie ein Geheimnis. Oberon: Kein Wunder, dass Weber die Hörner liebte. Auch wenn sie im Schloss still ruhen und allmählich ihren Glanz verlieren, so leuchten sie in seiner Musik umso stärker auf – in Oberon, im Freischütz und ganz besonders im Concertino für Horn, op. 45, das Hornisten gleichermaßen Schweißperlen wie Freudentränen entlockt …

"Halsbrecherisch"

Webers Concertino für Horn, op. 45

Oberon: Puck, du hast dich heute merkwürdig feierlich angehört. Was hast du entdeckt? Puck: Ein Werk unseres Meisters, das so viel Hornzauber in sich trägt, dass selbst eure Elfen lauschen würden: Webers Concertino für Horn und Orchester, op. 45. Und seine Geschichte ist länger, als man denkt! Oberon: Erzähl mir nur das Wesentliche.

Puck: Sehr wohl, mein Herr. Das Concertino begann 1806, als Weber gerade neunzehn war. In einem schlesischen Schloss, Carlsruhe bei Breslau, schrieb er eine erste Fassung – für den Hofhornisten Joseph Dautreveaux. Diese frühe Version ist heute verloren. Oberon: Und die Fassung, die die Menschen kennen? Puck:
Die entstand 1815 in München. Unser Meister war dort zu Besuch und überarbeitete das Werk vollständig – „völlig umgearbeitet“, wie er selbst schrieb. Der Solist hieß Sebastian Rauch, ein außergewöhnlicher Hornist dieser Zeit. Oberon: Ein Werk für Virtuosen also? Puck: Und wie! Das Concertino verlangt Dinge, die auf dem alten Naturhorn halsbrecherisch waren: Akkorde! Mehrstimmige Klänge! Die Hornisten nennen es heute „Multiphonics“. Damals hielt man es eher für Zauberei oder Kunststückchen. Oberon: Und dennoch wagte unser Tonkünstler es. Puck: Ja. Und die Verleger stritten darum! Schlesinger wollte eine vereinfachte Fassung – unser Meister lehnte ab. Peters in Leipzig nahm das Werk schließlich 1818 in Druck. So begann die Reise des Concertinos durch die Konzertsäle. Oberon: Ein Werk, das mutig klingt, weil es mutig gedacht ist. Puck: Genau das, mein Herr. Ein Stück, das zeigt, wie weit Weber die Farben des Horns treiben wollte. Ein kleiner Vorbote seiner späteren Meisterschaft in Oberon und dem Freischütz.

Puck (flattert näher, mit einem Grinsen): Ach, mein Herr Oberon — erlaubt mir noch eine kleine, aber feine Beobachtung. Unser Meister Weber komponierte zu einer Zeit, in der sich die Welt des Horns gerade auf den Kopf stellte! Oberon: Eine Zeitenwende also? Puck: Und wie! 1815 wurde das Ventilhorn erfunden — ein Instrument, das plötzlich all die Töne sauber treffen wollte, für die Hornisten zuvor akrobatische Lippenkunst brauchten. Doch Weber? Er rümpfte die Nase.
Es steht geschrieben, er habe diese „poesielosen Maschinenhörner“ abgelehnt. Oberon: Aus welchen Gründen? Puck: Oh, da beruft man sich  gern auf die Freischütz-Ouvertüre: Die berühmten Hornrufe klängen nur auf Naturhörnern in C und F vollkommen rein. Auf modernen Ventilhörnern müssten Spieler allerlei kleine Kompromisse machen — und Weber mochte keine Kompromisse, wenn’s um Farbe und Reinheit ging. Oberon: Wie weise.

Puck: Und nun kommt’s: In der Horn-Ausstellung im Schloss Eutin wird dieser Übergang faszinierend anschaulich dargestellt. Da hängen echte Naturhörner neben den frühen Ventilhörnern — und sogar ein Instrument, das beides zugleich sein will: ein Naturhorn, das man zu einem Ventilhorn umbauen kann. Ein Wesen mit zwei Seelen, könnte man sagen. Oberon: So also wandelte sich das Horn — und unser Meister stand genau im Zentrum dieses Wandels. Puck:
Ganz genau! Und deshalb glüht Webers Musik so stark: Er schrieb noch für das klassische, poetische Naturhorn — während die Zukunft bereits an die Tür klopfte …
Oberon: Lass unseren Meister sprechen (schwingt sein Lilienzepter).

Concertino op. 45
bei NAXOS

Carl Maria von Weber: Horn Concertino in E Minor, Op. 45, J. 188

Mit freundlicher Unterstützung von NAXOS zum „Weber-Jahr 2026“:

Quelle:

Album Nummer:  SIGCD587, Barcode: 635212058725
Titel: Vocal Recital (Tenor): Tritschler, Robin – BEETHOVEN, L. van / MOZART, W.A. / SCHUBERT, F. / WEBER, C.M. von (Song’s First Cycle)

Das Zusammenspiel im Überblick

Quellen und weiterführende Inhalte, die Oberons Phantasie und  Pucks Elfenfedern beflügelten.

Das Zusammenspiel: Eine aus Noten op.- 45, Tischbeins Studien und die Temperamentenrose von Goethe und Schiller

 

 

Die blauen Gefilde der Romantik …
Neue Auswertung der Instrumentalfarbe

„In der Ausdruckswelt seines innigen Naturempfindens, der Verschwörung übersinnlicher Gewalten, dem Erfühlen unserer geheimsten Sehnsucht führt er uns weit hinein in die blauen Gefilde der Romantik. Carl Maria von Weber war der erste große Romantiker im Reich der Tonkunst. Mit Beethoven hatte die alte klassische Form ihrne Höhepunkt erreicht. Zu ihr treten … in Weber Elemente, die bis dahin der Musik fremd waren. Die Musik … erfüllt jetzt die Aufgabe, Vorgänge zu charakterisieren.
Und damit geht Hand in Hand eine neue Auswertung der Instrumentalfarbe, die Weber zum Begründer des modernen Orchesters werden lässt. Das Instrumentalbild erfährt mit einem Schlage ein völlig von seinen Vorgängern grundverschiedenes Kolorit.“

Quelle: Jugend, 1926/Nr. 23, S. 447 aus dem Statdtarchiv Eutin. Mehr lesen …
– im Stadtarchiv Eutin

 

Die Physiognomie und Maler Tischbein

 

  • Die Stärke des Mannes
    Ostholstein-Museum in Eutin und Kulturstiftung der Länder Hg. 1999, S. 13,14
    „Tischbein erweist sich als als hilfreicher Portraitist für physiognomische Publikationen“
    (Quelleangabe: J. C. Lavater (1741-1801): Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, Bd. 1-4, Leipzig, Winterthur (1775-78)
  • Aus meinem Leben
    Wilhelm Tischbein: „Hier [in Hannover] kam mir der Homer zum ersten mal in die Hände …“
    Quelle: dto. S. 16 (Bodners Homer-Übertragung)

 

Weitere verbindende Themen:

  • Zur Physiognomie
    Tischbein erläutert in seiner Autobiografie „das Ringen um den treffenden Ausdruck seiner geschichtstragenden Figuren und insbesondere die poetische Qualität seiner Formfindung von möglichst ’sprechenden‘ Physiognomien der handelnden bzw. Geschichte tragenden bzw. ‚erfahrenden‘ Personen.“
    Quelle: dto. S. 17
  • Zu Geschichtsbilder
    Tischbein: „Ein Geschichtsbild wird dann das Gemüt bewegen, wenn die in demselben vorgeführten Menschen selbst starke Gemütsbewegungen zeigen werden.“
    Quelle: dto. S. 18
  • Zum Bild „Schwachmatikus auf dem Esel in der Campagna“
    Eine „Eselsgeschichte“, wie Tischbein sie nannte, „die aber schriftlich erst in den Eutiner Jahren um 1811/12 ausgearbeitet wurde. Sie zeigt den Künstler als ‚Schwachmatikus‘ auf einem Esel nach links reitend, vor dem gleichen Hintergrund wie ‚Goethe in der Campagna di Roma‘.“
    Quelle: dto. S. 53 und Abbildung Seite 54
    „Es ist die este deutsche Künstlerroman eines Malers überhaupt.“
    Quelle: dto. S. 53 und Abbildung Seite 54

 

Homer und Tischbein

 

  • Konzeptlos programmatisch: Warum Tischbein kein Homerzimmer schuf

    Zu Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins (1751-1829) Hauptwerken gehört eine Reihe großformatiger Gemälde für das Oldenburger Schloss.
    Vier davon befinden sich heute im Schloss Eutin.
    Der Beitrag sucht einen neuen Zugang zu diesem häufig missverstandenen Alterswerk.
    Quelle:
    2023, Oldenburger Jahrbuch 123, 165-179
    Dr. Sophie Borges, Kunsthistorikerin, Kuratorin der Stiftung Schloss Eutin
    https://www.academia.edu/114805844/Konzeptlos_programmatisch_warum_Tischbein_kein_Homerzimmer_schuf
    (abgerufen zuletzt am 19.03.2026)

 

Zur Odysee und Voß

„Johann Heinrich Voß‘ Übertragung  der Odysee  erschien 1781 und dessen Ilias lag erst 1793 vor. Zu spät also um Tischbein noch nach Italien zu begleiten. 1790 begann Tischebein in Neapel mit seinem enzyklopädischen Publikationsprojekt eiens ‚Homer nach Antiken gezeichnet'“
Quelle: dto. S. 16 (Bodners Homer-Übertragung)

 

Einzigartige Horn-Sammlung in Eutin
Weber und die Naturhörner
Oberon – Des Elfenkönigs Horn
Multiphonics Anfang des 19. Jahrhunderts 

 

Horn-Sammlung: Einzigartig in Europa 

Die Sammlung geht auf zwei Männer zurück, Prof. Uwe Bartels und Manfred Hein, deren Leidenschaft für das Horn weit über Grenzen hinausreichte. Mehr als 500 Instrumente stellten sie der Stiftung Schloss Eutin zur Verfügung – viele als großzügige Schenkung, davon sind 7o Instrumente in der Ausstellung zu sehen. Eine Fülle, die in Europa ihresgleichen sucht. Eine kulturhistorische Dauerausstellung, die nach  ihrer Eröffnung im Jahr 2001 Besucher regelmäßig empfing und im Jahr 2016 ein neues Gewand erhielt.

Heute muss man sich anmelden, bevor man die Sammlung besuchen kann. Ein kleiner Aufwand, gewiss — doch wer ihn nicht scheut, wird reich belohnt. Denn es ist auch ein Ort voller Erinnerungen an jene Naturtöne, die den in der kleinen Residenzstadt Eutin geborenen großen Tonkünstler Carl Maria von Weber einst beflügelten. Wer diese Räume betritt, sieht nicht nur Instrumente. Er begegnet der Seele eines Klanges, der über Jahrhunderte Jäger rief, Königshöfe begleitete und später Webers romantische Opern.

 

  • Literatur von Uwe Bartels
    • Das Fürst-Pleß-Horn und seiner Traditon – Musik/Instrumentenkunde, Uwe Bartels, Verlag Neumann-Neudamm, Melsungen, 1999, ISBN 978-3-7842-0580-9
    • Musik zur Jagd Vortragsstücke für Parforcehörner nach böhmischer und französischer Tradition, Uwe Bartels, Verlag Neumann-Neudamm, Melsungen, 1999, DNB, ISBN 978-3-7888-1918-7
    • 7 Fragen an Uwe Bartels, Niedersächsicher Jäger. 17. juli 2024.

 

 

Foto: Hans-Peter Förster (llizenfrei veröffentlicht auf Wikipedia)

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Presseberichte über die Horn-Ausstellung
    • Frank Pohlmann, Jagd-Kult(o)uren Schloss Eutin, Pirsch, Feuilleton 6.11.2024
    • Die spannende Geschichte des Horns, Der reporter, Balticum Verlagsgesellschaft, Neustadt in Holstein, 20.10.2016
    • Wenn 24 Hörner erklingen, Lübecker Nachrichten, Ostholstein, Ausgabe 3./4. Juli 2016.
    • Die spannende Geschicht des Horns, Der Reporter, 20. Oktober 2016 (abgerufen am 19.03.2026)
    • Rund ums Horn – Ein wunderbares Miteinander, shz, 8. Oktober 2020 (abgerufen am 19.03.2026)

 


Weber und die Naturhörner

… Als Beispiel dienten die Terzen der einleitenden Hornstelle in der Freischütz-Ouvertüre von C. M. von Weber: Nur auf den vorgesehenen Naturhörnern in C und F können sie natürlicherweise völlig rein geblasen werden, dagegen müssen sie auf modernen Ventilhörnern stets erst durch nachhelfende Kompromisse stimmend gemacht werden.
Quelle: „Das Horn“, Jentzky/Brüchle, Hallwag Verlag

 

Naturhorn, Ventilhorn und Weber:

Mit der Erfindung der Ventile durch Blühmel und Stölzel wurde die volle chromatische Spielbarkeit – auch ohne Stopftechnik und Verwendung von Klappen – für den Hornisten ermöglicht. Nicht alle akzeptierten diese Entwicklung.

So wie die beyden lächerlisten Instrumente der neuern erfindungsreichen Zeit, die näselnde Klappen-Trompete und der wunderlich ächzende Ventilserpent sind, so hat auch das schöne, romantische klagende Waldhorn am meisten von der Virtuosenwuth leiden müssen. Denn das das sogenannte chromatische Waldhorn keins mehr ist, hat schon der sl. C. M. v. Weber mit tiefem Seufzen gesagt …
Quelle: „Metallblasinstrumentenbau – Entwicklungsstufen und Technologie“, Günter Dullat, Verlag Erwin Bochinsky, 1989

 


 

Weber und die Historie der geblasenen Musik

Auch in der Musik spiegelt sich die romantische Anschauung über das Horn wider, so repräsentativ in der Ouvertüre zum Freischütz von Weber oder dessen Jägerchor. Weber gelingt es, mit den Hörnern eine bis dahin noch nie gehörte romantische Atmosphäre zu schaffen und hob damit die deutsche Oper aus der Taufe.
Quelle: „Historie der geblasenen Musik, Werner Bodendorff, Buchloe, 2002

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Oberon – Des Elfenkönigs Horn

 

  • Elfenbeinhorn/Olifant
    Zauberhorn in Webers Oper „Oberon“
    Harun al Raschid soll Karl dem Großen das Elfenbeinhorn geschenkt haben, das sich noch heute im Aachener Domschatz befindet (Quelle: „Das Horn“, Jentzky/Brüchle, Hallwag Verlag). In Webers Oper „Oberon“, die im Jahr 806 spielt, erhält Ritter Hüon, der auf Verlangen von Karl dem Großen nach Bagdad reist, von Elfenkönig Oberon ein Horn aus Elfenbein – ein Zauberhorn

Welcher Musikfreund ließe sich wohl nicht von den drei Horntönen verzaubern, mit denen die Oberon Ouvertüre von Carl Maria von Weber so wundersam beschwörend beginnt?
Quelle: „Das Horn“, Jentzky/Brüchle, Hallwag Verlag, Bern und Stuttgart, 1977, S. 7, 20f., 68

 


 

Multiphonics Anfang des 19. Jahrhunderts?

Multiphonics“ Anfang des 19. Jahrhunderts? Möglicherweise war Carl Maria von Weber wirklich der erste Komponist, der die Mehrklänge erstmals notierte, und zwar 1815 im vorliegenden Horn-Concertino op. 45. Das formal völlig frei gestaltete Konzertstück gilt als eine der anspruchsvollsten Kompositionen für Horn und Orchester überhaupt. Sind schon die „Con fuoco“-Passagen nach den langsamen Einleitungsabschnitten halsbrecherisch schwer, gelangt der Solist im Zentrum des Stücks zu der „Cadenza in Form eines Rezitativs“, an deren Ende sich die berühmte (berüchtigte?) Multiphonic-Passage findet.

Quelle: Breitkopf & Härtel

 


 

Webers anspruchsvolles Naturhorn-Cocertino e-mol op. 45:
„halsbrecherisch schwer, berühmtberüchtigt …“

Carl Maria von Webers Concertino für Horn und Orchester op. 45 hat eine relativ lange Entstehungsgeschichte, die sich von der ersten Niederschrift bis zur Drucklegung über zwölf Jahre erstreckt. Die Ursprünge des Werks reichen bis ins Jahr 1806 zurück … Aus technischer Sicht stellt das Horn Concertino enorm hohe Ansprüche an den Spieler – vor allem, wenn man bedenkt, dass Weber es für das ventillose Naturhorn schrieb.
So kritisierte bereits der Rezensent der ersten Besprechung des Werks, dass „dem Concertisten ehervzu viel, als zu wenig zugemuthet“ werde … (Allgemeine Musikalische Zeitung, 16. Juni 1819, Sp. 417). Berühmtberüchtigt sind auch die drei und vierstimmigen Akkorde, die Weber im Rezitativ verlangt – eine Spieltechnik, die erst im 20. Jahrhundert unter dem Begriff „multiphonics“ wieder gebräuchlich wurde. …

Quelle: Henle Verlag
Noten, Verlag Henle

 


  • Concertino auf YouTube
    https://youtu.be/31BM9DlIbIU?si=XM0uCHHSqVypZHcV
    (abgerufen am 11.12.2025)

 

 

Goethes Farbenlehre

 

  • Welt der Sinne. „Zur Farbenlehre“
    Dr. Sophie Borges
    Kunsthistorikerin, Kuratorin der Stiftung Schloss Eutin
    in Goethe. Verwandlung der Welt (Ausstellung Bundeskunsthalle); Prestel, München, London, New York; 2019, S. 143-151
  • Abbildungen
    Temperamentenrose , 1799, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Abbildung S. 157
    Farbenkreis, 1809, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Abbildung S. 157

 

  • Arkadische Welt. Die Reise nach Italien
    Christian Hecht
    in Goethe. Verwandlung der Welt (Ausstellung Bundeskunsthalle); Prestel, München, London, New York; 2019, S. 81-90
  • Goethe in der römischen Campagna, 1786-1787, Johann Heinrich Tischbein, S. 83
  • Goethe-Abbildungen nach Johann Heinrich Tischbein: Andy Warhol und Georgi Takev, S. 102-103
    Kopfstudien (vier Kopfprofile), 1787-1788, Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Zu Tischbein und Goethe

„Das intensive Erlebnis der Antike, das diese Freunde beide gemeinsam in Rom in sich aufnahmen, prägte nicht nur ein besonderes Freundschaftsgefühl, sonder auch beider Kunstverständnis … Goethe wie Tischbein neigten dazu „das allgemein Menschliche in den Vordergrund zu stellen.“
Quelle: Die Stärke des Mannes, Ostholstein-Museum in Eutin und Kulturstiftung der Länder Hg. 1999, S. 53 und Abbildung Seite 54

 

Klangkolorismus/Klangfarbencharakteristik

Schließlich gilt er [Weber] als Begründer des Klangkolorismus in der Oper, als Meister der Klangfarbencharakteristik, der farbigen und nuancierten Instrumentation.

Constantin Floros betrachtet in seinem Beitrag diese Auffassung näher (S. 5 ff.).
Literatur-Quelle zum Thema:

Musik-Konzepte 52, Carl Maria von Weber,
in „Carl Maria von Weber – Grundsätzliches über sein Schaffen“
Hg. Wetzer/Riehn, edition text + kritik, München, 1986

 


Weber gilt in der Musikgeschichte als der Begründer des Klangkolorismus. … Am bedeutsamsten ist die Verwendung der Tonarten zur Charakteristik.

Carl Maria von Weber … Begründer des Klangkolorismus,
in der Oper Meister der Klangfarbencharakteristik …

Quelle:
Stadtarchiv Eutin (Zeitungsbericht über die Veranstaltung der Eutiner Weber-Gesellschaft zu Webers 150. Todestag)
Aus dem Vortrag von Prof. Dr. Constantin Floros in Eutin,
(seinerzeit geschäftsführender Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg)

 

 

 

Hören und verstehen

Die Sprache der Musik und ihre Deutung

„Musik in ihrer Tiefendimension zu erfassen ist eine Kunst, die sich erlernen und perfektionieren lässt. Formalanalytische Kategorien spielen dabei eine untergeordnete Rolle – mindestens ebenso wichtig ist es, Klangfarben, dynamische Prozesse, musikalische Charaktere und Ausdrücke bewusst wahrzunehmen. … Im Anschluss an allgemeine Überlegungen zur Kunst des Hörens enthält der vorliegende Band exemplarische Werkbesprechungen.“
(Quelle: Schott Verlag)

Die Wolffschluchtsszene in Webers Freitschütz – Eine Phantasmagorie des Satanischen
In der historischen Perspektive erscheint Carl Maria von Weber als Prototyp des vielseitigen modernen Künstlers,  … In der Geschichte der Musik gilt Weber schließlich als Begründer des Klangkolorismus, als bahnbrechender Neuerer auf dem Gebiet der Instrumentation, als Wegbereiter der Klangfarbencharakteristik. … Wie mehrere andere Künstler des 19. Jahrhunderts war auch Weber synästhetisch veranlagt. Er assoziierte nicht nur Visuelles mit Akustischem, sondern auch Akustisches mit Geruchsempfindungen. (S. 100)

Constantin Floros studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie, Komposition und Dirigieren in Wien. 1955 Promotion, 1961 Habilitation. 1967–1995 Professor an der Universität Hamburg. Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Ehrenpräsident der Mahler-Vereinigung Hamburg. Internationale Vortragstätigkeit und zahlreiche Publikationen, vor allem zu Mozart, Beethoven, Bruckner, Mahler, Brahms, Berg und Ligeti. (Quelle: Schott Verlag, https://www.schott-music.com/de/hoeren-und-verstehen-no235628.html)


 

Klangfarbendisposition/Klangpoesie

 

  • Sucherergebnisse WeGA (Weber Gesamtausgabe):
    Klangfarben
    • Klangzauber und Satztechnik. Zur Klangfarbendisposition in den Opern Carl Maria von Webers in: Weber – Jenseits des „Freischütz“.
      Referate des Eutiner Symposiums 1986 anlässlich des 200. Geburtstages von Carl Maria von Weber
      , hg. von Friedhelm Krummacher und Heinrich W. Schwab (Kieler Schriften zur Musikwissenschaft, Bd. 32), Kassel 1989, S. 14–40
      • Zur Webseite Weber in Eutin, Gedenktage 190. Geburtstag/150. Todestag Carl Maria von Weber und 225. Geburtstag/150 Todestag Johann Heinrich Voß: Weber und Eutin 1976 …
    • Die Poetisierung der Klangfarben in Dichtung und Musik der Deutschen Romantik,
    • Klangpoesie und Fratze. Zur Dramaturgie der Klangfarben in den Opern Carl Maria von Webers 

 


 

Ton- und Klangfarben 

In dem Freischütz liegen zwei Hauptelemente, die auf den ersten Blick zu erkennen sind: Jägerleben und das Walten dämonischer Mächte, die Samuel personifiziert. Ich hatte als bei der Komposition der Oper zunächst für jedes dieser Ton- und Klangfarben zu suchen. Die Klangfarbe … für das Jägerleben war leicht zu finden: die Hörner lieferten sie. …

Quelle: Weber über Ton- und Klagfarben im Freischütz im Gespräch mit J. C. Lobe, Fliegende Blätter der Musik.

 

 

 

 

 

Synästhesie

Manche Menschen nehmen Töne nicht nur mit dem Ohr wahr. Sie verbinden Klänge ganz selbstverständlich mit Farben, Formen oder anderen Sinneseindrücken (das Phänomen Synästhesie). Auch Carl Maria von Weber könnte synästhetisch veranlagt gewesen sein. Für ihn besaßen Instrumente und Tonarten einen eigenen Klangcharakter, der sich oft mit inneren Bildern und Farbempfindungen verband.

Weber assoziierte nicht nur Visuelles mit Akustischem,
sondern auch Akustisches mit Geruchsempfindungen.

Quelle u.a.:

    • Prof. Dr. Constantin Floros, in „Carl Maria von Weber – Grundsätzliches über sein Schaffen“,
      Musik-Konzepte Heft 52, edition text + kritik, München, 1986.
    • Zum 150. Todesjahr des Komponisten hielt der in Hamburg lebende Musikwissenschaftler einen Vortrag darüber
      (Lübecker Nachrichten, 11.2.1976).
    • Weiterführendes auch in der Foot-Galerie unter ARCHIVSCHÄTZE, 1976: mehr lesen …

 

Deutsche Synästhesie-Gesellschaft e.V.
synaesthesie.org

Verbindungslinien

  • Rundfahrt im Oberon-Bus
  • 1802 – Begegnung mit Johann-Heinrich Voß

 

Tischbein-Gesellschaft Eutin

 

Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft, Eutin