GRÜNDUNG DER WEBER-GESELLSCHAFT
Aus der Elfenwelt betrachtet
(Nach den Lübecker Nachrichten, 17. November 1991)
Wir sahen es von oben, aus jener lichten Ferne, in der Zeit und Erinnerung ineinanderfließen. Die Menschen hatten gefeiert – zweihundert Jahre lang gedachten sie unseres Meisters, des in Eutin geborenen Tonkünstlers. Und wir fragten uns leise: Wird ein solches Fest verhallen wie ein Akkord im Wind? Oder bleibt etwas zurück?
Es blieb.
In Detmold schlossen sie sich zusammen. Aus dem Nachklang des Jubiläums formte sich ein neuer Bund: die Internationale Weber-Gesellschaft. Die Menschen gaben der Erinnerung eine Gestalt – nicht flatternd und flüchtig, sondern mit Ernst und Ausdauer. Ihr Ziel war es, das Werk unseres Meisters zu sammeln, zu erforschen und zu bewahren: seine Musik, seine Briefe, seine Schriften, seine Tagebücher. Alles, was von seinem Denken und Schaffen Zeugnis ablegt.
Und – das gefiel uns besonders – sie wollten seine Musik wieder häufiger hören. Nicht nur lesen, nicht nur bewahren. Erklingen lassen.
Der Gedanke dazu war nicht neu. Schon im Jubiläumsjahr 1986 hatte er Wurzeln geschlagen – in Eutin, wo alles begann, und in Dresden, wo die Erinnerung große Formen annahm. Nun, fünf Jahre später, wurde aus der Idee Wirklichkeit.
Manchmal brauchen selbst gute Gedanken etwas Zeit, bis sie fliegen lernen.
Sie wählten kundige Hüter für dieses Vorhaben. Zum Ehrenpräsidenten ernannten sie John Warrack aus Oxford, einen der großen Kenner unseres Meisters. Er hatte bereits zuvor kostbare Zeugnisse seines Wirkens der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin anvertraut – als wüsste er, dass solche Dinge sichere Orte brauchen.
Die Leitung übernahm Ute Schwab von der Universität Kiel, unterstützt von Ludwig Finscher und Evelinde Bartlitz, deren Arbeit an den Briefen unseres Tonkünstlers weithin Anerkennung gefunden hatte. Wir nickten einander zu: Ja, sie wussten, was sie taten.
Auch an das Fundament dachten sie. Für die geplante Gesamtausgabe gewannen sie den Verlag B. Schott’s Söhne in Mainz, und sie begannen Gespräche mit Bund und Ländern, um dem großen Vorhaben Dauer zu verleihen. Menschen nennen so etwas Finanzierung. Wir nennen es: dem Werk einen festen Boden geben.
Besonders aufmerksam wurden wir, als sie beschlossen, ihre erste Versammlung dort abzuhalten, wo alles begonnen hatte: in Eutin.
Natürlich dort, flüsterten wir. Wo sonst?
In jener kleinen Residenzstadt, in der unser Meister geboren wurde, in der sein Name bis heute fortklingt – verbunden mit dem Freischütz und mit einer Erinnerung, die sich nicht vertreiben lässt, auch nicht von der Zeit.
So sahen wir, wie aus menschlichem Gedenken ein neues Kapitel entstand. Und wir wussten: Auch dies gehört zur Geschichte unseres Meisters.
Vielleicht sogar mehr, als die Menschen selbst ahnen.